Ach, Konrad Widuch, alter Matrose, du Ex-Maat der kaiserlichen Marine, Aufständischer, Ex-Bergmann, du elender Ex-Bolschewist und Revolutionär, den sie aus der Partei geworfen haben. Nun sitzt du hier, festgefroren auf diesem Schiff, in dieser weiten weißen Hölle. Danke Gott, du Glückspilz, dass du die Invincible gefunden hast und dich der Große und der Kleine gastlich aufnahmen und nicht abknallten aus Angst, du würdest sie vom Leben zum Tode befördern. Aber was bist du auch für ein Klugscheißer, Konrad Wilgelmowitsch, weißt du das? So viel erlebt und nicht totzukriegen bist du.
Entkommen von der SMS Helgoland nach einem Granateneinschlag, später dann in der Ukraine und in Polen bist du geritten hoch zu Pferd, als du Sofie trafst, und gekämpft habt ihr für die Revolution. Die Liebe hast du gefunden. Sofie lehrte dich, zu lesen, zu denken, zu lieben und zu erkennen, dass du falsch lagst. Und dann, Sofie und du habt es immer geahnt, holten sie dich kurz nach ihrer Abreise. In den Norden ging es, an diesen Ort, dessen Namen du nie wieder aussprechen wirst. Dem Gulag, Wilgelmowitsch, du verdammter Glückspilz, bist du entkommen, und aufgeschrieben hast du deine Geschichte, deine unglaubliche, unwahrscheinliche Suade nördlich des Polarkreises.
„Angst also hatte ich damals vor niemandem, weder vorm Kaiser noch vorm Zaren noch vor den Polen, den Weißen oder Grünen oder vor Machno, vor Wrangel, ich fürchtete weder die Kapitalisten noch Stalin noch Lenin noch Trotzki, denn wer war ich damals, ich war schön, jung und schrecklich dumm und wusste nicht, dass man nur aus Angst klug wird.“ (S. 94)
Autofiktional begibt sich Szczepan Twardoch selbst auf Reisen. In Norwegen möchte er segeln, den Kopf freikriegen. Zufällig trifft er in Pyramiden auf Spitzbergen Bordhild, eine scheinbar alterslose Frau, die ihn einlädt auf einen Segelturn. Am nächsten Morgen stechen sie in den Arktischen Ozean, beginnen wie ein Uhrwerk ihren Dienst auf dem Segler, lernen sich kennen, berichten einander und offenbaren sich gegenseitig. Und immer stärker beginnt der Autor zwischen vermeintlicher Autofiktion und Utopie, zu oszillieren.
Szczepan Twardoch hat mit ‚Kälte‘ einen Roman verfasst, der auf 428 Seiten Epochale des 20. Jahrhunderts verhandelt. Sein Protagonist und Ich-Erzähler Konrad Widuch, ein heimatloser Deutscher, der dem gleichen schlesischen Ort entstammt wie der Autor selbst, ist handelnder Akteur und Katalysator der Weltgeschichte und wird schließlich Opfer der stalinistischen Vernichtungswellen, deren Fundament er selbst half, zu errichten.
Mit großer Empathie blickt Widuch immer wieder zurück auf seine Beziehung zu Sofie – ohne Romantik kommt auch dieser Roman nicht aus – und den unvorstellbaren Grausamkeiten im Gulag sowie auf seine Flucht. Twardoch pendelt nicht nur inhaltlich in weiter Amplitude. Stilistisch ist insbesondere der erste Bericht Widuchs geradezu schnell und fesselnd verfasst, wohingegen deutliche Längen ab Seite 300 hätten besser lektoriert werden können.
‚Kälte‘ ist ein Roman, der fasziniert, der von Unmenschlichem erzählt und von Willenskraft handelt. Der anthropologisch durch akribische Recherche ziemlich lehrreich vom Leben der Tschuktschen, Kamtschadalen und Koriaken erzählt, der aber auch einfach harter Tobak ist. Ein Roman also, der mitreißt, der abstößt, der meinen literarischen Vorlieben schon sehr entgegenkommt, den man aber auch nach 30 gut Seiten weglegen könnte.
- Gelesen im Mai 2024
- Mal wieder ein schöner Zufallsfund aus der Buchkantine, Dortmunder Straße 1 in Moabit.