‚Brief an D.‘ von André Gorz

Müssen alte Menschen, insbesondere alte Männer, am Lebensabend ins Sentimentale verfallen? Ihre Fehler und Ungerechtigkeiten, ihre Eitelkeiten und ihren zur Schau gestellten Hochmut, ihre Triumphe auf Kosten der Anderen, im Zweifelsfall der ihnen am nahestehendsten Menschen, am Ende, kurz bevor der Vorhang fällt, stets noch einmal ins rechte Licht rücken? Und wird dieser Automatismus von Jedermann gepflegt oder nur von Intellektuellen im Speziellen, die ihre Briefe mit Worten beginnen wie:

„Bald wirst du jetzt zweiundachtzig sein und immer noch bist Du schön, graziös und begehrenswert. Seit achtundfünfzig Jahren leben wir nun zusammen, und ich liebe Dich mehr denn je.“ (S. 5).

Er habe sich erneut verliebt, schreibt André Gorz weiter, mit 83, und holt aus. Ganz weit holt er aus, bis zu den Anfängen ihrer Beziehung. Als der spätere Philosoph und Sozialtheoretiker André Gorz als austrian jew die Hölle auf Erden überlebte und sie trifft, Dorine, und sie zum Tanz einlädt. Aus einem Tanz werden zwei und drei und immer und immer mehr Tänze, bis Dorine sagt, sie brauche Verbindlichkeit. Gorz willigt nicht ohne Hadern ein und bemüht sich um kategorische Distanz, um geistige Struktur als Begründung, wieso die Ehe als bürgerliches Artefakt abzulehnen sei. 58 Jahre später – früher schon, doch erst im Alter von 83 rückt der schreibende Mann die Dinge gerade, so wie sie tatsächlich liegen – räumt er auf in seinem Herzen und schüttet es aus in aller Ehrlichkeit und Reue in die Arme von Dorine.

89 Seiten zuzüglich Personenverzeichnis umfasst André Gorzs ‚Brief an D.‘, die Geschichte einer Liebe, wie der Untertitel seinen Brief konkretisiert. Fokussiert auf die wichtigsten Schlüsselmomente ihrer Leben, skizziert der Autor seine Gedanken, Gefühle und Schwächen, die erklären, wieso er handelte und schrieb, wie er handelte und schrieb und auch erkannte, dass er ohne Dorine nicht sein konnte und sein kann. Sein Tun ändern, konnte er nicht.

Ein halbes Jahrhundert später rückt Gorz die Dinge endlich gerade und schreibt eine romantische Autobiografie vor dem Hintergrund westeuropäischer Intellektualität der Nachkriegsmoderne. Als Zeitzeuge und Freund Sartres spazieren die Großen ein und aus, die Dorine oft näher sind als ihm. ‚Brief an D.‘ ist ein reines, wunderbares Bekenntnis, verfasst kurze Zeit vor dem gemeinsamen Suizid. Sein Brief an Dorine ist eine Abrechnung und Liebeserklärung gleichermaßen, der zur innersten Arbeit drängt, der anrührt, vielleicht verklärt, aber dadurch ein wundervolles Zeugnis gibt. Wovon auch immer.

  • Gelesen im Januar 2022
  • Großen Dank an Louise für die Empfehlung und das lustige Geburtstagsliteraturgespräch im Südblock.

2 Antworten auf „‚Brief an D.‘ von André Gorz

  1. wow … jetzt bin ich aber gespannt! Von Gorz selbst habe ich nur gehört, am Rande, nichts Konkretes. Solche Briefe am Ende des Lebens, der Sentimentalität geschuldet, sind nichts Seltenes. Die Rezension scheint aber auf ein intensives Leseerlebnis zu verweisen. Danke für den Tipp.

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