‚Alleiner kannst du gar nicht sein‘ von Peter Dausend und Horand Knaup

Neulich, beim Renovieren, fiel er mir wieder in die Hände. Mein abgegebener Hausausweis, die kleine Plastik-Karte in hübschen bunten Farben. In wenigen Wochen werden wieder sehr viele neue Hausausweise ausgestellt. Viele Abgeordnete werden ihren Krempel packen und viele neue Parlamentarier:innen ziehen ein in die kleinen, aber netten Büros. PLH-Nord, fünfte Etage, Pressegespräch, Kaffee, Kekse – Macht, Sucht, Hass, Angst und ganz viel Idealismus. Zu Beginn jedenfalls.

Und der Beginn ist rasant. Vom Wahlabend bis zum Koffer packen bleibt es eine Achterbahnfahrt mit Höhen und Tiefen und sehr selten weniger Tempo. Ankommen, Mappen durchgehen, Fraktionssitzung, Arbeitsgruppe, Ausschuss, Plenum – wer spricht? Darf ich, kann ich? Guter Vorschlag, beim übernächsten Mal. Bis der Fraktionsvorstand wieder die Kollegin vom Nachbargang vorschickt. Der Vize will selber. Plötzlich eine Presseanfrage, die Bild. Soll ich? Nein, lass bleiben! Komm erstmal an und nach vier Jahren sehen wir weiter. Sachverstand, Loyalität, Raubeinigkeit. Was fehlt? Mann, Frau, Familie, der Lebensgefährte – vertrautes Umfeld, der Wahlkreis, Heimat. Ab geht die Luzi im Politik-Ufo Berlin. Und dann, spät abends, vier Biere später beim parlamentarischen Abend der privaten Krankenversicherer? Alleiner kannst du gar nicht sein.

Wer sind die Menschen, die alle zwei, drei Wochen aus allen Provinzen der Republik nach Berlin kommen, um Gesetze in unserem Namen zu beschließen? Diese Frage stellen sich Peter Dausend und Horand Knaup auf 437 Seiten zuzüglich Glossar und liefern die Antworten direkt frei Haus. ‚Alleiner kannst du gar nicht sein. Unsere Volksvertreter zwischen Macht, Sucht und Angst‘ ist ein Psychogramm, ein Sittengemälde, das mehrdimensional den Kosmos Bundestag hervorragend seziert. 17 Kapitel beleuchten detailreich und außerordentlich kundig die Lebenswelt der Bundestagsabgeordneten: Der Aufstieg im Wahlkreis, die Nominierung durch die Granden im Unterbezirk, die Macht der Fraktion – und auch die Ohnmacht – Demütigungen, Angst vor dem eigenen Versagen, Druck von unten und Druck von oben. Verbände, Lobbyismus, gescheiterte Ehen, Alkohol, Drogen und die permanent subtile Angst, nicht wiedergewählt zu werden.

‚Alleiner kannst du gar nicht sein‘ ist ein Buch, das weit mehr ist als die Sammlung von lesenswerten Beiträgen aus Spiegel und Zeit. Es gibt Einblicke in eine Welt, die für die überwiegend große Mehrheit völlig verzerrt, unterkomplex, negativ konnotiert, bisweilen als abstoßend dargestellt wird. Die beiden Autoren brechen mit Klischees, lassen rund 50 Abgeordnete aller Fraktionen zu Wort kommen und schauen hinein in die Blackbox Bundestag. Ein Buch also, das mehr ist als die Summe seiner Teile. Sprachlich prima und selten redundant, treten Dausend und Knaup mit einer Haltung an, die heute selten geworden, aber beispielhaft ist:

„Der grundsätzliche Respekt verringert die kritische Distanz, mit der Abgeordnete in diesem Buch betrachtet werden, um keinen Millimeter. Aber er bewahrt vor populistischem Politiker-Bashing“ (S. 25).

Mein Fazit: Unbedingt lesen!

  • Gelesen im August 2021
  • Herzlichen Dank, lieber Daniel, für dein mehrfaches Ermutigen, dieses Buch unbedingt zu lesen.

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