‚Hör auf zu lügen‘ von Philippe Besson

1984 in der französischen Provinz. Philippe ist ein Schüler, den die Lehrer schätzen und seine Mitschüler meiden. Er steht im Abseits, ist wenig gesellig – Kinder können erbarmungslos sein und Philippe bekommt dies zu spüren. Er muss Sprüche erdulden, Andeutungen. Weil er schwul ist und es seit früher Jugend weiß. Er leugnet nicht, auch wenn er nichts bestätigt. Es ist seine Art, als Jahrgangsbester Stolz zu beweisen . Vor sich selbst und seiner feindlichen Umgebung in der französischen Provinz 1984. Philippe sehnt sich nach Nähe, körperlicher Nähe – selbstverständlich. Da tritt Thomas in sein Leben. Unerwartet! Er kennt den Bauersjungen mit spanischer Mutter vom Schulhof. Mit wilden, dunklen Augen und seiner Leidenschaft. Leidenschaft für Philippe, der es nicht fassen kann, sich unumwunden in Thomas‘ Abhängigkeit begibt. Der sich geißelt und auch nach unweigerlicher Trennung seinen Liebsten im Herzen trägt.

Auf sparsamen 155 Seiten schildet der Ich-Erzähler sein 18. Lebensjahr zwischen Sehnsucht, Normen und einer Zukunft, die ihm zum Zeitpunkt der Handlung unbekannt ist. Philippe Besson berichtet autobiografisch von seiner Jugend und einer Liebe, die aus vielerlei Gründen tragisch scheitert und auch während ihrer kurzen Dauer nie glücklich war. Es ist die Geschichte, wie wir sie ganz ähnlich bei Didier Eribon (‚Rückkehr nach Reims‘), Édouard Louis (‚Das Ende von Eddy‘) oder Chad Harbach (‚Die Kunst des Feldspiels‘) nachlesen können. Oder in unserer eigenen Erinnerung. Vor diesem Hintergrund ist das Sujet keineswegs neu. Der Stoff wirkt wohlbekannt und ist zur Unterhaltung einigermaßen ungeeignet. Sowohl der Ich-Erzähler als auch sein Antagonist lösen bei mir Abneigung, Unverständnis, ja, sogar Aggression aus. Es ist die Reise in die eigene Vergangenheit, in die Käffer unserer Kindheit. Darin liegt die Stärke des Buches!

Philippe Besson führt dem Leser sehr tragisch vor Augen, dass es für jeden Jungen und jedes Mädchen ein Akt innerer Befreiung ist, sich als homo-, bi- oder transsexuell zu outen. Insbesondere wird auf den letzten 40 Seiten eindrücklich und außerordentlich empathisch geschildert, welche psychischen Verformungen vermeintlich gute Konventionen mit sich bringen können. Literarisch zwar nichts Neues, keine Geschichte zur inneren Erbauung, dafür soziologisch und gesellschaftspolitisch relevant. Wer ‚Hör auf zu lügen‘ unterm Weihnachtsbaum findet, bekommt literarisch Anstoß für Herz und Kopf geschenkt. Wer in die Verlegenheit gerät, das grüne Büchlein selbst unter den Baum legen zu wollen, dem rate ich – je nach Geschmackslage – davon ab.

  • Gelesen im November 2018
  • Mal wieder eine interessante Empfehlung von Jürgen. Vielen Dank dafür!

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