‚Der neunzigste Geburtstag‘ von Günter de Bruyn

Wittenhagen, ein verschlafenes Nest (n)irgendwo in Brandenburg. Mit Anger, altem Gutshof, einer Dorfkirche und ohne junge Menschen. Es ist ein Dorf, wie man sich ein Dorf vorstellt. Wo vieles, über alle Zeiten hinweg, gleich blieb. Fortschritt wird zwar begrüßt, ist vielen aber auch unheimlich. Der Möchtegern-Dorfälteste sieht es so. Seit eh und je ist Leonhard alles Moderne ein Graus. Seine Schwester hingegen, die amtierende Alterspräsidentin Hedwig, wollte immer voran. Nach vorne, Aufbruch, der Zukunft entgegen. Früher in der APO und grünen Opposition als wilde Hedy, in Wittenhagen etwas gemäßigt als verbales Gegengewicht zu Leonhard. Hauptsache Widerwort ihrem Bruder gegenüber – allein schon der Opposition wegen.

Wie der Titel verrät, soll gefeiert werden und zwar Hedwigs 90. Geburtstag. Geburtstage dieser Größenordnung sind fester Bestandteil dörflicher Kalender. Was sie bedürfen, ist vor allem Planung und dieser Aufgabe hat sich Fatima angenommen. Fatima ist Hedwigs Ziehtochter und Leos heimlicher Liebling. Leo, der ein Nichtverhältnis zu seiner Tochter pflegt und zu seinem Sohn der Kontakt völlig abgebrochen wurde. Im Zuge der langwierigen Vorbereitung zu Hedwigs Jubeltag, wird so manches Kurzweilige aus dem Familienstammbaum zwischen den Zeilen berichtet – sehr kurzweilig und lesenswert.

Aber! Auf 269 Seiten entführt uns Günter de Bruyn in eine Welt, die nicht nur bei den sieben Zwergen, sondern auch hinter den sieben Bergen liegt. Örtlich und geistig fernab progressiver Diskurse, gibt de Bruyn einen Konservatismus zum Besten, der stellenweise grotesk, meistens belanglos, des Öfteren aber auch durchaus begrüßenswert ist. Beispielsweise beklagt sich Leonhard über mangelnde sprachliche Schönheit; ihm ein Herzensanliegen – mir auch. Insbesondere vor diesem Hintergrund ist es außerordentlich bedauerlich, dass stellenweise fein parzellierte Erinnerungsbruchstücke zu Episoden konstruiert werden, die profan, ja sogar dumm sind. Es wird von Arabern aus Berlin berichtet, welche die Kühe des alten Nowak schächten (Die Muselmänner überrennen die christliche Welt?). Von hohen MfS-Offizieren, die auf geheimen Pfaden die westliche Welt verteidigen (Wir gratulieren zum goldenen Aluhut!). Zu guter Letzt dem Verfall abendländischer Bildungsgüter, weil die Jugend sich der Literatur verweigert (Nichts gegen Rilke, aber wer mit 15 Jahren zu flirten versucht und keine Gedichte rezitiert, ist noch lange kein schlechter Mensch!).

Wo Schatten ist, muss Licht sein. Sprachlich sind de Bruyns Altersweisen nicht zu verachten, gar eine Freude. Doch auch bei Lichte betrachtet, vermag seine stilsichere Sprache die inhaltliche Finsternis nicht zu erhellen. So halten wir fest: Der vorgestellte Roman ist nett zu lesen. Etwas für lange Bahnfahrten, dafür mit antiquierten geistigen Ergüssen, die bei gutem Willen immerhin für die Meinungsforschung von Interesse sein könnten. Auch vermeintlich kluge Herren sind irgendwann nur noch alte Männer.

  • Gelesen im November 2018
  • Zufallsfund im Kulturkaufhaus.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s