‚Munin oder Chaos im Kopf‘ von Monika Maron

Elisabethkirchstraße? Schröderstraße? Jedenfalls dort in Mitte-Mitte, wo die DDR Altbausubstanz nicht durch WBS 70 ersetzte. Wo sich nur selten Touristen hin verirren, um ihre Leihfahrräder im Gebüsch zu parken. Wo alle jene Bewohnerinnen und Bewohner der Straße, von denen Monika Maron spricht, bereits zum zweiten Mal weg gentrifiziert wurden und in Staaken, 1. OG, Nordbalkon nicht so recht Fuß fassen wollen.

Worum geht es? Die junge Journalistin Mina hat mehr oder weniger Freude am 30-jährigen Krieg gefunden und möchte zu dessen Ende ihre Gedanken als Auftragsarbeit zu Papier bringen. Wie ich finde ein ganz ehrenwertes Anliegen zum Jubiläum 2018. Jedoch hat Mina die Rechnung ohne ihre Nachbarin von schräg Gegenüber gemacht, welche sich, einer Behinderung geschuldet, tagtäglich als große Opernsängerin präsentiert. Zum Ärger der ganzen Straße, denn ihr Gesang ist zwar auch bei geschlossenem Fenster klar und deutlich zu hören, dafür aber regelmäßig schief. Die bislang verschlafene Straße, in der die weg gentrifizierten Bewohnerinnen und Bewohner noch nicht weg gentrifiziert wurden, gerät außer Rand und Band. Zeitgleich beginnt Mina einen Raben auf ihrem Balkon zu beobachten und versucht, ihn mit Wurst und Käse zu locken. Sie freunden sich an und beginnen einen Dialog über die Menschen und das Leben im Allgemeinen sowie die Nachtigall von Gegenüber im Speziellen.

Marons Roman gerät dabei zur Fabel und das ist schlecht. Schlecht deswegen, weil die Welt komplexer und bunter ist, als die Autoren sehen mag oder kann. Die Sängerin steht sinnbildlich für alles Böse und Schlechte, das plötzlich – Wir das schaffen das, nicht! – über die ruhige Straße hereinbricht. Das musikalische 30-jährige Krieg endet im grässlichen Magdeburgisieren aller Bewohnerinnen und Bewohner der Straße gegen sich selbst, was furchtbar profan daherkommt.

Auf 221 Seiten skizziert Maron ein polarisiertes Zerrbild der Gesellschaft, das mehrheitlich ablehnend der deutschen Flüchtlingspolitik gegenübersteht. Sprachlich immerhin gelungen, überschattet die Skepsis der Autorin gegenüber einer glücklichen Zukunft meine Freude am Lesen. Wer den 30-jährigen Krieg an sich prima findet, dem empfehle ich ‚Tyll‘ von Daniel Kehlmann. Wer selbst Chaos im Kopf möchte – bitte. Marons Ressentiments sind für mich nur schwer erträglich, selbst wenn sie nachvollziehbar galant daherkommen. Problematisch ist nur, dass 70 Prozent der Deutschen diese schlichte Weltsicht teilen. Ich empfehle die Lektüre Kants. Und vielleicht eine U-Bahnfahrt mit Mina vom Rosenthaler Platz vier, fünf Stationen nach Norden!

  • Gelesen im Mai 2018
  • Aufmerksam geworden durch eine Besprechung in der Berliner Zeitung, die ich auch Ihnen zu lesen empfehle.

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