Über die 1000 Poolnudeln muss man hinwegsehen, die überall verteilt herumstehen. Sie sollen dem Publikum den Eindruck vermitteln, wir befänden uns im Innenohr eines dementen Seniors. Ebenfalls ist es ratsam, das Lamento über den ominösen Schwindel zu ignorieren, von dem die Tochter des dementen Mannes ständig spricht. Gespielt wird die Tochter von Wiebke Mollenhauer und ihr an die Seite gestellt ist ein Personenensemble, das der Erinnerungswelt des Vaters entspringt. Figuren als Repräsentant:innen seines Geschmacks, seiner Vorlieben in der Musik und in der Kunst und des tiefen Wunsches, weit, weit fortzugehen.
Ethnologische Tiefenbohrungen werden unternommen in die deutsche Geschichte, wenn Benjamin Lillie in unterschiedlichen Rollen einen weisen Barden, den hilfsbereiten Krankenpfleger des Dementen oder den Publikumserzähler aka das Gedächtnis gibt. Oder Steven Adjei Sowah, der den jungen schwedischen Journalisten Stig Dagerman spielt. Sein literarischer Reisebericht über deutsche Trümmerwüsten aus dem Jahr 1946 ist titelgebend für diesen Theaterabend: ‚Deutscher Herbst‘.
Ganz ohne Metaebene kommt er auch nicht aus zwischen den Poolnudeln. Schlussendlich doziert Almut Zilcher als Schwester des Dementen über Don Quichotte und seine Schlüsselfunktion für die Erosion der Moderne. Man spürt, diese Koproduktion mit der Ruhrtriennale ist für die große Bühne inszeniert. Für große Häuser mit reichlich Platz, um sich für die dreieinhalb Stunden Zeit und Raum zu nehmen am Lebensende des Vaters, im permanenten Zwiegespräch der Schauspieler:innen mit dem Publikum.
Christopher Rüping stellt die Frage, warum ausgerechnet der Herbst die Jahreszeit sei, in der sich deutsche Geschichte verdichte. Der aktuellen und allgegenwärtigen Sprachlosigkeit stellt er Antworten der Vergangenheit gegenüber. Die fragende Tochter bestürmt sich selbst bei ihrer Recherche zu den Ursachen für den metaphorischen Schwindel, das buchstäbliche Zittern und den Verlust geteilter, nur noch ungültiger Wahrheiten.
Erwartungsgemäß bleibt eine Uraufführung nicht unkommentiert. Die Kritiken sind kontrovers und thematisieren die Flatterhaftigkeit, eine popkulturelle Effekthascherei, die losen Enden, eine bemühte Konstruktion deutscher Identitätssuche in Zeiten der AfD als Hintergrundrauschen: Dass aber Caspar David Friedrich einer der beliebtesten Maler der Deutschen ist, dürfen wir schon noch sagen?
Viele Kritiken arbeiten sich am Fluiden des Stoffs ab. Dabei ist ‚Deutscher Herbst‘ in erster Linie Theater gewordener Zeitgeist. Hier liegt die große Stärke der Arbeit. Wenn in 50 Jahren Menschen eine Inszenierung dieses Stücks sehen, erhalten sie einen ziemlich guten Eindruck der Sehnsüchte und Themen unserer Zeit. Rüping ergänzt seinen Text um Fragmente von Dagerman, Caspar David Friedrich und Blümchen. Es wird gesungen vom Herbst und der Liebe. Es wird Rollschuh gefahren. Es wird festgestellt, dass die authentischen Stimmen der Kriegs- und Nachkriegszeit langsam immer stiller werden, bis sie verstummen.
Warum imaginieren die Deutschen eine bessere Zeit immer retrospektiv? Warum ist nicht die Zukunft offen und weit und macht Mut und weckt Vorfreude, voranzuschreiten? Weshalb wird Moll und nicht Dur gespielt? Und braucht es dafür wirklich dreieinhalb Stunden, das Ensemble um diesen Komplex kreisen zu lassen? ‚Deutscher Herbst‘ ist eine kritikwürdige und zugleich sehr starke Arbeit, die nicht zuletzt von ihren großen Bildern lebt. Allerlei Nebelkerzen hätten auf Caspar David Friedrichs Begräbnis bleiben können. Aber sich mit dem kontemporären Geisteszustand zu befassen, ist Christopher Rüping und seinem Team über weite Strecken ziemlich gelungen.
- Gesehen am 31. Oktober 2026
- Und hier die Stimme der Nachtkritik.