‚Die Lebensentscheidung‘ von Robert Menasse

Du hast es gut gemacht, du kannst jetzt gehen, klingt es Franz Fiala auch nach Jahrzehnten noch mit Bestimmtheit in den Ohren. Rhythmisiert hat seine Mutter ihn Wort für Wort deklamieren lassen: Hic, haec, hoc. Wieder und wieder und nun stehe ich hier, denk sich Franz Fiala, in meiner kleinen Arbeitszelle und packe die Sachen. Adsum – hier bin ich – knapp 40 Jahre später. Das Gymnasium abgeschlossen, das Studium als erster der Familie, promoviert und mit der Doktorurkunde schließlich den Concours bestanden. Das war was.

Euphorie und Disziplin habe ich mitgebracht, denkt Franz nun, als er sein Entlassungsgesuch abgeschickt hat. Einen großen Traum hatten wir, alle, aus normativen Werten materiales Recht zu schaffen. Das Friedensprojekt als Gemeinschaft weiterführen. Doch als schließlich der Green Deal, an dem Franz Fiala so engagiert mitgearbeitet hatte, in den Schubladen der Kommission verschwand, dachte Franz, nein, es reicht, du hast es gut gemacht, du kannst gehen.

„Zwei Abende wie zwei Leben. Der zweite war der Abend in Brüssel mit Nathalie. Ein gemeinsames Leben, eine lange Lebenszeit, die in ihrer Gleichförmigkeit letztlich wie ein langer Tag war, wurde in dieser Stunde ein Punkt. Ein Schlusspunkt. Eine Masse von Zeit und alles, was in dieser Zeit geschehen war, verdichtet und verschluckt in diesem Augenblick.“ (S. 107)

Franz Fiala trifft nicht eine, er trifft zwei Lebensentscheidungen in Robert Menasses aktueller Novelle. Einer Novelle, deren Inhalt auf 158 Seiten reduziert wird, wie eine kräftige köstliche Soße zum Feiertag. Kurz nachdem der Protagonist, ein desillusionierter EU-Beamter am Karriereende, in den vorzeitigen Ruhestand eintritt, erhält er die Diagnose Bauchspeicheldüsenkrebs. Eine sehr endgültige Diagnose, soviel ist ihm klar. Was steht nun an? Eine große Reise, etwas erleben, was man für die Zukunft aufsparen wollte? Die Wohnung in Brüssel ist aufzugeben. Hoffen, dass Nathalie, seine langjährige Liaison, ihn nicht verlässt. Und die alte Mutter pflegen. Überleben will er die Mutter. Das ist sein Wunsch, sein Ziel.

‚Die Lebensentscheidung‘ ist ein typischer Menasse. Primärer Handlungsort ist Wien. Verhandeltes Sujet ist Europa. Mit seinem ihm typischem Witz erzählt der Autor über den hoffnungsvollen Lebensnachmittag, der sehr plötzlich zum vorzeitigen Lebensabend wird. Von freundlich zugewandt bis bitter lakonisch bespielt der Wiener die melancholisch-morbide Klaviatur seiner Stadt. Wien als historisches-kulturelles Zentrum mit bedeutungsverlustigem Wehklagen – Brüssel als Chiffre für den politisches Zustand der Gegenwart.

Wer möchte, liest in ‚Die Lebensentscheidung‘ den dritten Teil der Europa-Reihe. Nach ‚Die Hauptstadt‘ und ‚Die Erweiterung‘ haben die Euphoria und die Disziplin des Franz Fiala nun die weite Ebene der Realität erreicht und durchschritten. Wer möchte, liest auch nicht nur eine Novelle, sondern eine Parabel vom Werden und Schaffen und Vergehen der Generationen. Von europäischer Kultur, von Werten, und vom granteligen Urteil der Kleinbürger über die da oben. Und umgekehrt. Mein Fazit: Ich möchte wissen, wie es weitergeht.

  • Gelesen im April 2026
  • Danke dir, lieber Daniel, für deine Lesekreisempfehlung.

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