‚Die doppelte Nacht‘ von Carlo Levi

Die dunkle Nacht ist passé und auch der Morgen danach. Es ist das Überübermorgen, an dem sich das Meiste gelichtet hat. Als der Krieg nun 13 Jahre zurückliegt und man sich ans Leugnen, Verdrängen, Vergessen und den Wiederaufbau gemacht hat, besteigt Carlo Levi in Rom ein Flugzeug und beginnt seine Reise ins Nachkriegsdeutschland.

Vieles ist provisorisch. Die Beziehungen, die Architektur, die alten neuen Autobahnen. Die adoleszente Bundesrepublik kann vor Kraft kaum laufen. Ihre Fließbänder laufen, die Räder rollen, die Schaufenster leuchten und das nicht nur zur Weihnachtszeit. Levi besucht alte Freunde und knüpft neue Bekanntschaften in München, Stuttgart, Ulm und Schwäbisch Hall, um schließlich in Tempelhof zum Schlussakkord anzusetzen.

„Um zu seiner Wohnung zu gelangen, verlassen wir das Stadtzentrum und fahren in neue, anonyme, trostlose Viertel, in denen gerade moderne Häuser gebaut werden. Dort vergeht die Zeit bei Bier, Käse, Schwarzbrot und den verschwundenen Problemen der alten mitteleuropäischen Intelligenzija und deren jüngsten Auswüchsen …“ (S. 67)

Alles was auf dem Klappentext geschrieben steht, stimmt. Carlo Levis Reisebericht ‚Die doppelte Nacht‘ ist eine spektakuläre Wiederentdeckung, wie sich Gustav Seibt zitieren lässt. Levi hat auf 147 Seiten Soziologie in meisterhafter Prosa niedergeschrieben. Er hat den Deutschen in West wie Ost auf den Mund und auf die Teller, in die Gläser und ihre Seelen geschaut. Entstanden sind wortgewaltige Alltagsminiaturen in Wirtshäusern, verbliebenen Innenstädten, auf dem Ost-Berliner Weihnachtsmarkt, in Münchens besten Restaurants und Kaschemmen vor dem Herrn. Diesem Bericht hat das Alltägliche unheimlich gutgetan. Levi versucht zu verstehen und fragt seine Protagonist:innen nie hinterhältig, aber bestimmt, bisweilen forsch. Hakt nach, fordert ein, kombiniert und urteilt. Nicht selbstgerecht oder arrogant, sondern sanftmütig und immer klug.

„‚Wenn man nun aber zwischen den beiden entscheiden müsste, wen würden Sie bevorzugen?‘ ‚Das kann ich nicht sagen: Goethe und Schiller.‘ ‚Und wen bevorzugen Sie von den modernen deutschen Schriftstellern?‘ ‚Ich habe wirklich keine Zeit, die zu lesen. Ich bin Architekt‘, gibt er als Antwort. ‚Und von den Architekten?‘ ‚Das könnte ich nicht sagen: Da gibt es so viele. Ich baue Häuser für Kleinfamilien. Man arbeitet. Da bleibt keine Zeit für anderes. Jetzt haben wir Frieden‘ […] ‚Mein Bruder ist Arzt, ich baue Häuser für Kleinfamilien, man soll uns jetzt bloß nicht mit Kriegen kommen.‘ Mit einem ‚Goethe und Schiller‘ verabschiede ich mich von ihm.“ (S. 80)

‚Die doppelte Nacht‘ von Carlo Levi ist ein Buch, das man lesen muss! Ein Buch, das als historisches Artefakt dieses Nachkriegsdeutschland einschlägig erklärt. Dieses heute so satte, müde, untersetzte Land, in dem die schönen Provisorien wieder niedergerissen werden und man sich dranmacht, die alten Ruinen ein wiederholtes Mal ins Werk zu setzen. Carlo Levi verwendet nicht meinen bissigen Unterton. Er kommt als neugieriger Reisender, als Wissenschaftler, als Antifaschist und Kosmopolit. Damit es hell wird in der doppelten Nacht. Und bleibt.

  • Gelesen im Juli 2025
  • Aufmerksam wurde ich auf den Deutschlandbericht in einer Adventsausgabe der Süddeutschen Zeitung im Dezember 2024. Leider ist die Kurzbesprechung nicht mehr online verfügbar.

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