Uta wächst nicht ungeliebt, nicht ungewollt auf. Allenfalls zu früh wurde sie in einem Dorf am Rande des Erzgebirges geboren. Wenige Jahre nach dem Krieg, noch vor den Verstaatlichungen der allermeisten Betriebe, erlebt sie eine vergleichsweise privilegiert Kindheit. Der Vater, Geschäftsführer und Kommunist, die Mutter als Köchin in der Großkantine tätig. Trotz ihrer Freundinnen hat Uta sich selten als dazugehörig empfunden, schon gar nicht nach der Geburt ihres Bruders.
Raus aus der Enge, nach der Schule eine Lehre beginnen, auf eigenen Beinen stehen: Nach Zwickau geht Uta als angehende Verkäuferin und machte Karriere. Zunächst nicht weit weg also, aber zum Verlieben reichte es. Lang hält die Ehe nicht, ihre Tochter behält sie. Genauso wie ihre lukrative Zuträgerschaft, zunächst für die Volkspolizei, später für das Ministerium höchstselbst. Mit Anfang 20 liegt ein unwahrscheinliches Leben vor ihr, unwahrscheinlich abhängig – aber lebendig.
„Vielleicht, weil die vorher schon gehört hatten, die arbeitet in der Jalta Bar, und dann hatte ich immer gute Klamotten an, sah immer sehr modisch und modern gekleidet aus. Natürlich haben die Leute das mitbekommen. Das war der Neid. Die haben mitbekommen: Die führt ja ein ganz anderes Leben als wir. Wurde das mal von irgendwem offen ausgesprochen? Nein, nein. Das wurde mir nur zugetragen.“ (S. 170)
Aus dem Erzgebirge nach Zwickau, von Zwickau nach Karl-Marx-Stadt und weiter in kleine weite Welt. Clemens Beckmann hat mit ‚Was du kriegen kannst‘ einen Roman vorgelegt, der in dieser Form ein Novum sein dürfte. Autofiktional erzählt der Autor auf 413 Seiten das Leben der Sexarbeiterin Uta, die als Ich-Erzählerin, stellenweise biografisch, aus ihrem Leben als inoffizielle Mitarbeiterin für das Ministerium für Staatssicherheit berichtet. Bemerkenswert dabei: Sie war keine „gewöhnliche“ Zuträgerin, sondern arbeitet als Inoffizielle Mitarbeiterin unter anderem auf den Leipziger Messen, um westdeutsche Geschäftsmänner auszuspionieren – für Sozialismus und Frieden.
Weniger durch die literarische Qualität als durch Form und Inhalt besticht ‚Was du kriegen kannst‘ als ausgesprochen bemerkenswerter Roman. Beckmann verbindet original Stasi-Dokumente mit Transkripten aus Gesprächen zwischen Uta und ihm und erweitert sie fiktional-belletristisch. Dieses Dreieck konstruiert der Autor perspektivisch weiter, indem er Utas Berichte verschiedenen anderen Textgattungen, bspw. Stasi-Protokollen oder Vermerken inhaltlich gegenüberstellt. Entstanden ist eine mehrdimensionale Komposition aus grässlich substantivierter DDR-Hauptsatzsprache und zeitgemäßer Prosa, die dem blauäugigen Lebenswunsch Utas erdrückend gegenüberstehen.
„Nimm, was du kriegen kannst“, war einst Ratschlag von Utas erstem Verbindungsoffizier. Sie hat ihn verinnerlicht. Davon handelt Beckmanns Roman retrospektiv als Zeitzeugenbericht, der zum zeithistorischen Dokument avanciert. Wahrscheinlich braucht es auch die teils ermüdenden Längen: Leerstellen, um Raum zu schaffen für ein bemerkenswertes Leben zwischen Unfreiheit und der eigenen Emanzipation.
- Gelesen im Dezember 2024
- Aufmerksam wurde ich auf den Roman durch die Besprechung von Hubert Winkels in der Süddeutschen Zeitung.