Dora ist 16 Jahre alt, als sie ihrer familiären Enge entkommt. In einem kleinen Dorf in Schlesien aufgewachsen, lernt sie als Aushilfe in einem Blumengeschäft Oskar kennen. Oskar, zehn Jahre älter als Dorle, wie sie von ihrer Familie unfreiwillig genannt wird, hat schon länger ein Auge auf sie geworfen. Und kurzerhand, nach fünf, sechs, vielleicht auch zwölf gemeinsam verbrachten Wochenende ist klar, dass Dora ihren Oskar begleiten wird. Nach Dresden, so viel ist ebenfalls klar, wo dem künftigen Schlachtermeister eine Stelle im Schlachthof angeboten wird.
Wenige Monate nach Oskars Abreise folgt Dora also ihrem zukünftigen Mann mehr als Flucht denn geordneter Abreise. Bloß fort vom gewalttätigen Vater, der ungerechten Stiefmutter, den Brüdern, den Ziegen, Goldberg in Niederschlesien. Mit Dresden beginnt für Dora eine neue Zeit. Wie für alle Deutschen verheißt die Zukunft großes und Dresden als Kulturmetropole steht mittendrin. Die kleine Wohnung in der Liliengasse, das erste Kind, das zweite Kind, der tüchtige Mann und Familienvater, die noch junge, aber stattliche Frau: Das kleine Familienglück wird perfekt.
„Das war ihr Einstieg in diese Stadt gewesen, die allgemein als eine der schönsten Deutschlands galt […] Dresden in den dreißiger Jahren war eine moderne Großstadt, von einer besonderen Gastlichkeit, die sie jedem entgegenbrachte, jedem Einzelnen, mit einem leichten Augenzwinkern, das besagte: Wenn du willst, gehörst du zu uns.“ (S. 57)
Sätze wie diese stehen als Heilsversprechen und Aktien auf die Zukunft stereotyp für Durs Grünbeins neusten autofiktionalen Roman ‚Der Komet‘, der das Leben seiner Großmutter Dora verhandelt. In der ersten Person rekonstruiert der Erzähler die Jugendjahre der Protagonistin in Dresden bis 1945. Und im Grunde ist damit alles gesamt. Denn die überlieferten Fragmente aus dem Leben der Großmutter reiht Grünbein ein in eine mäandernde Postkartenidylle über die schöne Stadt Dresden – USD – unser schönes Dresden.
Im Grunde ärgerten mich die 282 Seiten von Grünbeins Heimatroman überwiegend. Dresden als Stadt der Täter, das braue Sachsen bleibt nahezu unerwähnt. Randständig erscheint Dora als kritische, mehrheitlich jedoch als unpolitische Mitläuferin. Stattdessen benennt Grünbein immerzu vermeintliche Heldentaten: die Autobahnen, die Stadtverschönerung, papperlapapp! Redundant verwendet der Ich-Erzähler Hitlerzitate, ohne den Autor zu nennen und das Zitat wirklich einzuordnen. Selbst die literarisch imaginierte Zerstörung der Stadt schmeckt nach brauner Soße. I know, literarische Freiheit muss kein Hauptseminar des Nationalsozialismus in Sachsen sein. Aber Grünbeins gänzlich naiver Duktus ist nicht nur geschichtsvergessen, sondern verklärend.
Insgesamt ist ‚Der Komet‘ unerwartet schwach und bleibt hinter meinen inhaltlichen Erwartungen zurück. Leider verpasst es der Autor, die berührenden und gleichermaßen spannenden Kindheitserzählungen Doras fortzusetzen. Persönlichkeitsentwicklungen finden faktisch nicht statt. Stattdessen immer und immer wieder die schönen Cafés, die schöne Elbe, das schöne Schöne bei aller Schönheit. Bei so viel Zuckerguss über Dresden als eigentliche Protagonistin, die im Übrigen nie für jeden Einzelnen gastlich war und auch heute nicht gastlich ist, fällt selbst das Umblättern der Seiten schwer. Schließlich fragte ich mich: Wozu? Was möchte uns der Autor damit sagen?
- Gelesen im Januar 2024
- Aufmerksam wurde ich auf den Roman durch die Besprechung von Cornelius Pollmer in der Süddeutschen Zeitung vom 19. November 2023.