Achtung, Theater! – ‚Muttersprache Mameloschn‘ am Gorki

Yom Tov und guten Abend im Studio R. Woß sol doß bataitn? Nicht mehr, aber vor allem auch nicht weniger als ein klassischer Familienabend, bei dem alles und zwar wirklich alles auf den Tisch kommt. Daniel Kahn singt am Piano Bekanntes und Neues – auf Jiddisch. Wie im Salon mit gedimmtem Licht, wird das Publikum abgeholt und eingestimmt auf eine Geschichte, als plötzlich Großmutter, Tochter und Enkelin die Szenerie betreten.

Lichtwechsel, die Stimmung schwankt, kippt aber nicht. Gedämpfte Gespräche entspinnen sich. Die Enkelin Rahel beginnt Fragen an ihre Großmutter Lin zu richten, sie auszufragen. Jiddisch will sie lernen. Doch warum, fragt die Tochter Clara im Kostüm einer stresst, etwas zerstreuten Mittfünfzigerin. Aufbruch, der kein Abbruch sein soll, sondern eine Suche. Rahel geht nach New York und will die Welt erkunden, um sich zu finden. Clara plagen Verlustängste im Angesicht der Tatsache, auch ihre Tochter zu verlieren, während Lin als altvordere Sozialistin und Parteigängerin Rahel ermutigend zuspricht.

Irgendetwas ist immer irgendwo weit entfernt: räumlich, zeitlich, emotional. Hakan Savaş Mican walkt Sasha Marianna Salzmanns Text und verdichtet die dreitausendjährigen Ambivalenzen jüdischer Geschichte auf 90 Minuten. Die vom Publikum u-förmig umfasste, ebenerdige Bühne verstärkt als Katalysator das hervorragende Ensemble, das zur Mishpoche des Abends wird.

Mican und Salzmann sind kein unbekanntes Paar. Im Gegensatz zu ‚Im Menschen muss alles herrlich sein‘ schafft Mican bei ‚Muttersprache Mameloschn‘ eine symbiotische Übersetzung der textlichen Vorlage zur theatralen Umsetzung. Seine Videoeinspieler erzeugen eine notwendig retrospektive Ebene, beispielsweise durch Interviewausschnitte der Großmutter, die von Ursula Werner großartig gespielt wird. Das Bühnenbild von Alissa Kolbusch – im Grunde handelt es sich um einen großen skulpturalen Stuhlhaufen – ist integriert und markiert durch einen impulsiven Umbau durch die Mutter gleichzeitig einen dramaturgischen Bruch, den es braucht, um von der Großmutter-Enkelin-Beziehung auf die Mutter und deren Mutter überzuleiten.

‚Muttersprache Mameloschn‘ am Berliner Gorki ist ein Theaterabend im Salzmann’schen Kanon. Ob es tatsächlich die multiplen Konflikte braucht – jüdische Identität im Sozialismus, Verlustängste, ein Entwachsen der Elternwelt, Familienkladderadatsch – darf gerne hinterfragt werden. Ohne haargenau zu sezieren, leuchten Scheinwerfer Fragen aus und setzen vergessen geglaubte, verdrängte Schatten ins Licht. Mit ‚Muttersprache Mameloschn‘ hat Mican einen fühlig feinfühligen Text inszeniert, der nachhallt. Eine Arbeit, die man mitnimmt, die sich bittersüß anschmiegt und einen ins Denken bringt.

  • Gesehen am 8. Dezember 2023
  • Und hier die Stimme der Nachtkritik.

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