‚In besserer Gesellschaft‘ Laura Wiesböck

Huhn oder Ei? Das ist hier die Frage. Individuum also oder Gesellschaft? Wer sprintet als Erster über die Ziellinie? Subjekt oder Objekt? Dass soziale Herkunft maßgeblich die persönliche Entwicklung und das Leben eines Menschen vorzeichnet, ist hinlänglich bekannt. Pierre Bourdieus ‚Die feinen Unterschiede‘ liefert ganz wunderbaren Lesestoff für Ästheten, Salonsozialisten und kritische Zeitgeister. Wer es lieber breiter mag, dafür weniger tief, ohne ins seicht Morastige zu geraten, wird Freude mit Laura Wiesböck Essaysammlung ‚In besserer Gesellschaft‘ haben.

‚Der selbstgerechte Blick auf die Anderen‘ als Untertitel gib Richtung, Route und Tempo vor und gibt keine Versprechen, die nicht einzulösen sind. Denn Wiesböck hat auf 199 Seiten einen Ritt durch Milieus und Lebenswelten hingelegt, der überzeugt. In acht Kapitel gegliedert, erfahren wir, was in der Tat die feinen Unterschiede bedeuten. Nicht im ästhetischen Sinne, sondern im existenziellen. Von der Arbeit, über Geschlechterpolitik, Migration, Konsum oder postdemokratische Aufmerksamkeitskultur – Stichwort Andreas Reckwitz‘ ‚Gesellschaft der Singularitäten‘ – legt Wiesböck dar, was trennt, wie wir diese Trennung manifestieren und zwar in Permanenz.

Formen, Ursachen und deren Auswirkung ist Wiesböcks Arbeitsschwerpunkt als Soziologin an der Universität Wien. Um zu zeigen, welche Formen, Ursachen und Auswirkungen Ungleichheit gesellschaftlich und individuell bedeutet, hat sich die Autorin sprachlich für Massenkompatibilität entschieden. Was völlig nachvollziehbar und gleichermaßen sinnvoll ist. Denn ihr Publikum ist nicht der akademische Betrieb, sondern sind Sie. ‚In besserer Gesellschaft‘ versteht sich als informierender, insbesondere aber auch sensibilisierender Beitrag zur Diversitätsdebatte. Fachtermini werden sparsam genutzt. Argumentationen setzt Wiesböck locker leicht als Baukasten zusammen, der zunächst etwas schlicht, nach einiger Lektüre jedoch ganz ertragreich ist.

‚In besserer Gesellschaft‘ überzeugt, mich allerdings nicht uneingeschränkt. Wo liegen dafür meiner Meinung nach die Gründe? Ganz einfach: Ich bin nicht Zielgruppe. Soll heißen: Wiesböcks Essayband ist gut recherchiert, informiert geschrieben und sprachlich ansprechend. Die Autorin entschied, progressiver zu schreiben. Ebenfalls ein schöner und mutiger Schritt, gleichwohl Sprache bei Wiesböck nicht zur Waffe gerät. An manchen Stellen fehlte mir Tiefgang und Fachlichkeit. Das ist schade. Mein Fazit also: ‚In besserer Gesellschaft‘ befasst sich mit feinen und unfeinen Unterschieden. Das Buch sensibilisiert ohne Vorschlaghammer. Es informiert, ohne zu dozieren. Wer sich dem Thema nähern möchte oder eine soziologische Einschätzung abseits populärer Nachrichtenwerte in der Tagesschau, ist bei Laura Wiesböck an der richtigen Stelle. Für das fünfte Semester Gender Studies im Master empfehlt sich die Bibliothek der FU. Für die Huhn-Ei-Subjekt-Objekt-Frage im Übrigen auch.

  • Gelesen im März 2020
  • Viele Dank, liebe Susann, für die anregende Diskussion über die feinen Unterschiede.

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