Achtung, Theater! – ‚The Sequel‘ im Maxim-Gorki-Theater

An lauen – nein – heißen Sommerabenden und -nächten ist kühle Unterhaltung meist herzlich willkommen. Sehr herzlich sogar, wenn man bedenkt, dass Superhelden nicht nur beim Film in engen Lycraanzügen die Welt retten. In Gordons Fledermausmann-Reihe tragen alle Protagonisten heißes Kostüm. Schließlich hat die große Filmregisseurin wohl bedacht, dass Uniformen Frauen vorzüglich kleiden und Scheitern zum Business gehört. Gordon und Gordons Sohn und Gordon Sohns Vater sind nicht gänzlich gescheitert. Auf die uncharmante Art aufgerieben haben sie sich. Auf die kratzige Weise, die nach blutiger Freiheit schmeckt. Einer Freiheit der weißen, europäischen Männer und linkem, süßem Tugendterror beseelter Amazonen, obgleich unklar ist, ob ein Witz nun Humor oder Fallbeil der Moral sein soll. Hauptsache stereotyp. Im Zweifelsfall wird der Fledermausmann auch in Fledermausmann Rises die Held*Innenstadt Bottrop erfolgreich gegen die Befürworter*innen der Sache verteidigen.

Bottrop als Held*Innenstadt von Rang in den Rang eben dieser zu heben, ist ‚The Sequel’s‘ großes Verdienst. Wir wissen nicht, ob die Bottroperinnen und Bottroper diese Ehre als Auszeichnung oder Last empfinden. Was wir allerdings wissen, ist: Heiße Sommernächte werden in Lycraanzügen hinter Fledermausmannmasken nicht angenehmer. Insbesondere wenn man bedenkt, dass eine Sequel – die Fortsetzung also – Ruhm und Ehre aufzehren und nicht stiften. Stattdessen wünschte ich mir Ären im Puppentheater hinterm Gießhaus. Ären zum Kraulen und Kitzeln der Vorderfrauen und Männer.

‚The Sequel‘ ist Gesinnungsstück als Operette. Ein Musical ohne Mattscheibe und bou­le­var­desk, wobei die seltenen Lacher im Halse stecken bleiben. Nora Abdel-Maksoud hat leider vergessen einen Faden ihrem Stück einzuweben. Ob rot oder blau oder grün, meinetwegen gern pink-violett. Sehr gern sogar, aber doch ein Faden als Grenze, bitte sehr! Als Richtschnur in volatilen Zeiten. Wer will schon auf der falschen Seite humorlos lachen, wenn die richtige, die gute immerhin, nicht weiß, europäisch, hetero und männlich ist. Blöd kichern ohne Stimmverstärker am Scheideweg und Grabe liberaler Konvention.

Der Fledermausmann als Fortsetzung verhandelt eine Dystopie, die irgendwie real, irgendwie akademisch, irgendwie deplatziert durch Bottrop mäandert, ohne Wichtiges zu erklären. Ich kann nicht sagen, ob es mir gefiel. Ob ich es schön fand. Ästhetisch lässt sich der Wert dieser Arbeit nicht fassen. Sowieso ist Ästhetik stets die falsche Kategorie und in diesem Falle ganz besonders. ‚The Sequel‘ ist reduziertes Boulevardtheater so trocken wie Sylter Sand im Rheinischen Revier bei Flut. Das Bild passt nicht. Es hängt schief und zwar gewollt. ‚The Sequel‘ verhandelt zwischen den Fronten der Gesellschaft, die mit scharfen Geschützen keine Argumente tauscht, sondern vor Beißreflex nicht mehr aufhört, sich selbst zu kannibalisieren. ‚The Sequel‘ ist eine Arbeit, deren große Schauspielleistung grobe Schnitzer von Dramaturgie und Regie passabel kaschiert. Ein Stück für heiße Sommerabende und -nächte ist es dennoch nicht. Sehenswert aber allemal. Ein Fetischstück ohne Lycra und viel Moral.

  • Gesehen am 10. Juni 2019
  • Hier die Stimme der Nachtkritik.

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