‚Identität‘ von Francis Fukuyama

Wer sind wir? Was prägt uns? Was macht uns aus? Woher kommen wir und wie kamen wir an diesen Ort, an diese Stelle im Leben und der Welt? Wer also bin ich? Mensch, Mann, Weltbürger, Europäer, Deutscher? Oder Berliner, Moabiter sogar? Oder Ostdeutscher? Sachse? Berliner Sachse aus dem Mordor Deutschlands? Völlig unklar – versteh ich nicht. Immer mit ohne Fleisch natürlich! Und das * fehlt. Nur mit * bitte!

Wer sind wir also? Beginnen wir bei Platons ‚Staat‘, wie Francis Fukuyama es tut. Platons Idee der Thymos. Dem Aspekt, dass Menschen Anerkennung suchen. Ihr Stolz verlangt es, sagt Platon. Fukuyama gelangt weiter zur frühneuzeitlicher Reflexion über Identität. Führt aus, dass durch Luther die Unterscheidung zwischen innerem und äußerem Selbst in die Welt kam: „Diese Erkenntnis [..,] dass der Glaube allein, unabhängig von jeglichen Werken, den Menschen rechtfertige, untergrub mit einem Schlag den Daseinszweck der katholischen Kirche“ (S. 45). Bemerkenswert, nicht? Und noch ein weiterer Punkt ist ganz außergewöhnlich: das Universelle. Die allen Menschen innewohnende Fähigkeit zum Glauben.

Noch viel spannender ist allerdings die andere Seite der Macht. Die mit den Keksen. Weiter geht es also mit Rousseau, einem wesentlichen Urheber säkularen Denkens. Denn Rousseau kehrt Luther um: Sein Mensch ist kein Sünder, sondern im Naturzustand frei und rein. „Rousseau zufolge begann das menschliche Elend mit der Entdeckung der Gesellschaft“ (S. 48). Insbeondere zwischem dem 15. und 23. Lebensjahr ist die Feststellung „Die Gesellschaft ist Schuld“ auch heute durchaus aktuell. Was schließlich zu Rousseaus Hauptwerkt führte, das man im 24. Lebenjahr getrost gelesen haben könnte. Mit dem Gesellschaftsvertrag und dem Etablieren der Idee vom Gemeinwohl fehlt noch Francis Fukuyamas letztes Suppengrün – die Würde. Und im Nu sind wir über Kant hinweg (und seiner Vernunftsethik) zu Hegel gelangt. Hegel, der Würde als maßgeblichen Antrieb menschlichen Handelns betrachtet. Und wir gelangen zu Fukuyama selbst. Zu seiner Frage nach dem Ende der Geschichte (wieder Hegel) und den Herausforderungen liberaler Demokratien (zu viel Identitätspolitik).

Denn „[d]ie Zunahme der Identitätspolitik in modernen liberalen Demokratien ist eine ihrer Hauptbedrohungen. Wenn es uns nicht gelingt, zu einem universalen Verständnis der menschlichen Würde zurückzukehren, werden wir zu ständigen Konflikten verurteilt sein“ (S. 17). Warum das so ist, lesen Sie auf 237 Seiten wunderbar hergeleitet und detailreich. Und warum eine Gesellschaft der Singularitäten (Andreas Reckwitz) ohne volonté général nicht existieren kann. Harter Tobak also ohne akademische Denkverbote.

Eine keineswegs neue Feststellung gerät dabei zum Fanal: „Die Linke richtet ihr Angebot nicht mehr primär darauf, weitestmöglich ökonomische Gleichheit herzustellen. Stattdessen geht es ihr darum, die Interessen einer Vielfalt von benachteiligten Gruppen zu unterstützen […] Unterdessen liegt der Rechten vor allem der Patriotismus am Herzen, der Schutz der traditionellen nationalen Identität, die häufig explizit mit Rassen, Ethnizität oder Religion verknüpft wird“ (S. 23). Fukuyama weist also auf eine bedenkliche Tatsache hin. Dass bislang stabilisierende Lager, die über viele Jahre prägend waren, ihre Integrationsfähigkeit verlören. Schlimmer noch. Sie spalten, statt das Gemeinsame zu betonen (Stichwort aktuelle US-Politik). Sie missbilligen die Anliegen der jeweils Anderen normativ, was weiter polarisiert. Dieser Befund ist dramatisch.

In ‚Identität‘ schlägt Fukuyama den großen Bogen und das ist gut. Mehr noch! Es ist ausgezeichnet! Und zwar deswegen, weil er 2300 Jahre Ideengeschichte pointiert verdichtet. Seine Kategorien leitet er hermeneutisch her, ohne das Praktische am Ende zu vernachlässigen. Die Lage in den USA und Europa im Speziellen und der Welt im Allgemeinen. Ausgezeichnet geschrieben und keineswegs überfordernd. Mein Fazit: Auch ohne Politikstudium ausgezeichnetes Studentenfutter. Ein Sachbuch, das appelliert und (sich) empfiehlt. Zum 70. Geburtstag des Grundgesetzes ein wunderbares Geschenk für Jedermann. Mit und ohne *.

  • Gelesen im Mai 2019
  • Aufmerksam geworden durch die Besprechung von Jochen Trum bei Andruck vom 4. Feburar 2019.

2 Antworten auf „‚Identität‘ von Francis Fukuyama

    1. Moin Jürgen,

      vielen Dank für deinen Kommentar. Das * ist natürlich ironisch gemeint und greift Fukuyamas Wunsch auf, das Gemeinsame zu betonen und sich nicht im Recht haben zu verzetteln.

      Sonnige Grüße
      Michael

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