Das Substantiv Elegie beschreibt ein Gedicht mit wehmütiger Klage. Ebenso kann es Ausdruck sein für Schwermut oder Trostlosigkeit. Diese Trostlosigkeit hat Teile der amerikanischen Bevölkerung seit mindestens zwei Generationen erfasst. Sie greift um sich in unzähligen Familien und hat massive gesellschaftliche Auswirkungen, insbesondere für die weiße Arbeiterklasse – die heute in weiten Teilen so nicht mehr existiert.
Hillbillys wird die Bevölkerung der Appalachen-Region genannt. Die sogenannten Hinterwälder, die großenteils Ulster-schottische Vorfahren haben. Die Siedlungsgebiete der Ulster-Schotten erstreckten sich im 18. und 19. Jahrhundert von Pennsylvania bis nach Tennessee. Jenen Regionen, die einst industrielle Herzkammern der USA waren und heute in einer Abwärtsspirale aus Gewalt, Armut, Chaos, Alkohol und harten Drogen Hochburgen der MAGA-Bewegung sind.
Aus dieser Region stammt der amtierende Vizepräsident der USA, James David Vance. Aufgewachsen in einer Kleinstadt in Ohio und den Appalachen von Kentucky wirkt seine Biografie so beeindruckend wie unwahrscheinlich. In seinem 2016 erschienenen Buch ‚Hillbilly-Elegie‘ schildert der Yale-Absolvent und einstige Trump-Gegner als Ich-Erzähler seine Kindheit mit einer drogensüchtigen Mutter, gewalttätigen Verwandten, hauptsächlich abwesenden positiven Vorbildern und zwei Großeltern, die Schutz boten und sich – auf ihre Art – liebevoll um ihn sorgten.
„Aber ich liebe diese Menschen, selbst diejenigen, mit denen ich es vermeide zu sprechen, weil ich meine eigene geistige Gesundheit nicht auf Spiel setzen möchte. Und wenn der Eindruck entstehen sollte, dass es in meinem Leben schlechte Menschen gibt, dann bitte ich um Entschuldigung […] Denn es gibt in dieser Geschichte keine Bösewichte; da ist nur diese bunte zusammengewürfelte Bande von Hillbillys, die versuchen, den richtigen Weg zu finden – zu ihrem eigenen Nutzen und, mit Gottes Gnade, zu meinem.“ (S. 17)
J.D. Vance schreibt verstörend offen und klar unerwartet schockierende Situationen seiner Kindheit und Jugend. Noch immer bezeichnet er sich als Hillbilly, ein Verweis auf seine Herkunft. Zudem bekennt er sich zu einem prägenden, normativen Wert der Ulster-Schotten seiner Herkunftsregion: Loyalität. Seiner Erklärung nach ist Loyalität, durch Sozialisation über Generationen tradiert, sowie die starke Binnenmigration der wertkonservativen Ulster-Schotten aus den Appalachen ein Hauptgrund für den Erfolg Donald Trumps.
Die 300-seitige ‚Geschichte meiner Familie und einer Gesellschaft in der Krise‘ reicht über die individuelle Erfahrung deutlich hinaus. Vance entdeckt Zusammenhänge – konservative Werte, Bildungsferne, zerrüttete Familien, Religion – und bindet sie in einer Diagnose schlüssig zusammen. Ohne Anspruch auf Vollständigkeit oder wissenschaftliche Korrektheit ist dieses Buch eine schlüssige Analyse und trifft im Kern auf große Kohärenz, beispielsweise auch zu aktuellen deutschen Publikationen.
Sicherlich haben einige von euch das Buch bereits gelesen oder den gleichnamigen Film gesehen. Mit dem zehnjährigen Abstand seit der Erstveröffentlichung und dem politischen Werdegang des Autors erscheint manches in erstaunlichem zynischem Licht. So schreibt der Autor, Ex-Marine, Aufsteigerkind und wahrscheinliche Nachfolger Donald Trumps:
„Die Vorstellung, dass die Welt, der wir entstammten, von sabbernden Volltrotteln bevölkert war.“ (S. 256)
Ich habe das Buch in der Übersetzung von Gregor Hens mit dem Wunsch gelesen, J.D. Vance besser zu verstehen. Wer ist der Mann? Was treibt ihn an? Was prägt ihn und welche Werte bilden die Leitlinien seines politischen Handelns? Seine ‚Hillbilly-Elegie‘ gibt Antworten als überaus lesenswerte, aufschlussreiche und sprachlich gelungene Aufsteigerbiografie eines Mannes Anfang 30. Ob derselbe Mann Anfang 40 Widersprüche ebenso aufzeigen und geradezu dialektisch denken und handeln kann, bleibt abzuwarten.
- Gelesen im Februar 2026
- Wiederentdeckt habe ich das Buch durch die wirkliche gute Analyse über Vance von Claudius Seidl in der Süddeutschen Zeitung vom 15. Januar 2026.