Da summen sie wieder, die Stimmen im Rhythmus, im typischen Sound von René Pollesch. Es gehört nicht viel dazu, mich als Fanboy zu outen. Und es ist wunderbar, ein quasi vorweihnachtlicher Rückgriff, eine Reise ins Jahr 2011, als Pollesch und andere sich Gedanken machten, noch mehr als ohnehin schon. Gedanken zum Theater, zur Dramaturgie. Wie Pollesch sich auseinandersetzte mit Form, Spiel und Protagonist:innen. Sich hinsetzte und ein Büchlein verfasste mit Texten und Fragmenten – einer Ontologie aus keiner besseren Zeit, aber einer anderen.
Seine Crew um Kathrin Angerer, Martin Wuttke, Milan Peschel, Rosa Lembeck und Franz Beil hat seinen Schnittchenkauf ausgegraben, entmottet sozusagen, angereichert mit zwei Jahrzehnten Theaterarbeit, mit kleinen und großen Inszenierungen und Texten, ausstaffiert ohne Wehmut oder Sentimentalität und ihm ein Bühnenbild gezimmert, das bei weitem Fensterblick im offenen Gestus eine sommerliche Abendstimmung in die Volksbühne strahlen lässt und den Raum erfüllt mit urkomischem Witz und kluger Dialektik.
Kathrin Angerer mit Landstreicherhut und süßem Rehkitz unter dem Arm, Franz Beil im freundlichen Rattenkostüm. Tabea Braun (Kostüm) und Leonard Neumann (Bühne) materialisieren die zweistündige Arbeit an der Berliner Volksbühne durch kleine Gesten, die zu Statements werden. Insbesondere das Ferienhaus symbolhaft für Zusammenkunft und Gemeinschaft unterstreicht Polleschs Theorie. Ganz wunderbar für eine gelungene Symbiose aus Spiel und Rahmung steht beispielhaft Wuttkes Monolog zum Konstrukt der vierten Wand, die er aufbricht, durchbricht, sich zurücknimmt und zurücktritt hinter das große Panoramafenster vor dem Sonnenuntergang. Dadurch wird diese Arbeit eben auch zur theoretisch-intellektuellen Verhandlung, die lustig ist, aber eben auch durchaus voraussetzungsreich zum Verständnis der Vielzahl an Referenzen und Zitaten.
Und natürlich ist ‚Der Schnittchenkauf‘ auch ein Abschied. Ein Abschied als Rückschau und posthumes Theaterseminar. Nicht nur dadurch, aber gerade deswegen ist diese Inszenierung so wohlig warm. Doch bitte nicht weinen, wenn man auseinandergeht! Polleschs Seinslehre aus Butterbroten und Käsestullen ist wider Erwarten eine wunderbare Zugabe, insbesondere vom Ensemble. Sie haben bekräftigt, wie es weitergeht und weitergehen kann: Auf knatternden Mofas rundherum und immer weiter.
- Gesehen am 4. Januar 2025
- Und hier die Stimme der Nachtkritik.