Bruno ist hier aufgewachsen, im Brunnenviertel, zwischen Bahngleisen und Fabriken hinter der Mauer. Und der Humboldthain mittendrin mit seinen Hügeln und verschlungenen Wegen, dem Rosengarten und dem Sommerbad unterhalb des großen Flakbunkers, der urwaldgleich verwuchert sich im Norden des Parks als Trutzburg Geltung verschafft.
Als Kind war Bruno oft am Bunker. Es liegt nahe, diesen Ort als Treffpunkt für ihr Wiedersehen vorzuschlagen. Fast 15 Jahre ist es her, dass Bruno seine Familie verließ. Hals über Kopf, von jetzt auf gleich, ist er in der Nacht nach den Anschlägen vom 11. September ausgezogen. Für Ina war es der Realitätskomet aus dem Nichts, der ihr den Boden unter den Füßen wegzog. Julius hat es irgendwie besser verkraftet, denn zunächst zog er die Geschichte seines Vaters nicht in Zweifel. Vater und Filius halten Kontakt, aber Stück für Stück bemerkt Julius, dass die widersprüchliche und unübersichtliche Geschichte seines Vaters nicht der Wahrheit entspricht.
„Wenn man sich in eine Situation wie die von Bruno erst einmal hineinmanövriert hat, empfindet man seine Geschichten selbst vielleicht gar nicht mehr als Lügen. Sie sind dann einfach eine Identität, die man in Gegenwart bestimmter Menschen annimmt […]“ (S. 127)
Inka Parei bleibt sich treu und wählt für ihren gleichnamigen Roman erneut einen geschichtsträchtigen Ort als Kulminationspunkt und zentralen Anker: den Humboldthain. Der Park im südlichen Gesundbrunnen wird zur wiederkehrenden Bühne in Pareis Familien- und Geschichtenaufstellung, die sich in verschachtelten Retrospektiven mäandernd der Gegenwart nähern. Auf 283 Seiten ist ‚Humboldthain‘ alles andere als geradlinig, sondern ein Roman mit verblüffenden und irgendwie auch interessanten, aber insgesamt schwer nachvollziehbaren Abzweigen. Werden Personen aus der Vergangenheit der Protagonist:innen eingeführt, wirkt ihr Auftauchen konstruiert, als brauche der Spannungsbogen neuen Schub. Bedauerlicherweise zündet kein Doppel-Wumms und die Autorin entzieht ihrem Figurentableau viel mehr deren Glaubwürdigkeit.
Gleichzeitig ist ‚Humboldthain‘ ein Berlin-Roman der jüngeren Geschichte. Inka Parei erzählt vom Brunnenviertel vor dem Mauerfall und führt ihre Protagonist:innen über das grau-graue Oberschöneweide der Nachwendezeit nach Mitte vor der Kernsanierung. Sie schreibt kenntnisreich, auch wenn Details ab und an verrutschen.
Mein Fazit: ‚Humboldthain‘ ist ein Roman, der zu viel will. Inka Parei hat eine gute Romanvorlage überfrachtet und den Handlungsbogen schlicht überdehnt. Die formal interessanten, wechselnden Ich-Erzählperspektiven wirken bemüht und inhaltlich konstruiert. In Anbetracht dessen ist ‚Humboldthain‘ mehr holprige Detektivgeschichte als Vater-Sohn-Roman, der mich leider nicht in seinen Bann zog.
- Gelesen im August 2024
- Ein Zufallsfund in der Buchkantine, Dortmunder Straße 1 in Moabit.