Achtung, Theater! – ‚Mein Gott, Herr Pfarrer!‘ an der Volksbühne

Mein Gott, Herr Pfarrer, was machen Sie hier in meinem Traum? Was macht Pastor Erricson in meinem Traum, das frage ich mich. Ich, Karin Bergmann, meine, wir kennen uns doch erst seit ein paar Tagen und schon schildern Sie – ja, was überhaupt? So habe ich mir das gewiss nicht vorgestellt nach fünf Tagen Bischofskonferenz in Trondheim. Dass Pastor Erricson seine Gemeinde verlor, hinter sich sozusagen. Glauben, die größte Bürde, die Gott uns auferlegt hat. Mit dem Glauben ist es ohnehin vertrackt. „Mein Gott, warum hast du mich verlassen?“

Pastor Erricson, jetzt sagen Sie schon. Das Leid Jesu dort am Kreuz. Lange war sein Todeskampf, Gott sei Dank, ja nicht. Vier Stunden waren es, wenn die Berichte stimmen. Bemerkenswert ist, da hängt Jesus am Kreuz und was macht Jesus? Er zitiert. Er zitiert aus dem Alten Testament. Was für ein wahnsinnig starker Text das ist, den sie damals aufgeschrieben haben, wenn Jesus ihn zitiert, dort am Kreuz.

Wissen Sie, als ich wieder einmal schlecht schlafen konnte – ganz grässlich schlafe ich zurzeit, wissen Sie – da habe ich mir Ihren Rat zu Herzen genommen und gelesen. Mittlerweile bin ich bei der Passionsgeschichte angelangt und dieser Text, wenn ihn selbst Jesus zitiert, der muss richtig gut sein. Da haben die Herren sich was ganz Schönes einfallen lassen, als sie diese Religion erfanden, dieses Christentum, Pastor Erricson, was meinen Sie?

Ein fester Glaube und die ewige Suche nach dem einzigen Sinn als zwei Antagonismen an der Berliner Volksbühne. Die Reflexion als Traum, als Holterdiepolter und Stelldichein, als katholisches Familienquiz mit Sophie Rois – endlich wieder, so liest und hört man. Da steht sie mit volksnahem Schmäh, mit diesem Sound verhüllt in silbergrauem und rotem Gewand. Was für ein Kleid, sakral, kardinalesk – kann man das schreiben, Herr Pfarrer? ‚Mein Gott, Herr Pfarrer!‘, wieso das ganze Gewese um Glauben und Familie und diese beschissene Einsamkeit? René Pollesch hat zum Ende der aktuellen Spielzeit noch mal etwas Existenzielles versucht. Eine große Sache sollte es werden und was passiert? Es versackt, versumpft, bleibt verheddert hängen im oberflächlichen Windkanal.

Die Vorderbühne als Ort der Ingmar-Bergman-Gedächtnisstunde, eine wiederkehrende Referenz der Dialoge zwischen Karin und Pfarrer Erricson, die um Christis Zweifel mäandern zum Zeitpunkt der größten, der letzten Einsamkeit. Später dann, sobald der graue Plastikvorhang abhebt, wird das wohlig warme, goldgelbe Bühnenbild zum Kontrapunkt der Inszenierung. Mit Würfen und Vorwürfen belagern die Töchter ihre Mutter und umgekehrt, der Vater mittendrin auf schiefer Ebene.

Die Bibel, wahnsinnig gut geschrieben“, deklamiert Karin – ‚Mein Gott, Herr Pfarrer!‘ ist es nicht. Inga Busch und Christine Groß kämpfen um ihren Platz neben einer großartigen Sophie Rois. Und Benny Claessens, ja Benny Claessens produziert wie immer sich selbst.

‚Mein Gott, Herr Pfarrer!‘ greift Sinn- und Lebensfragen auf, lässt sie strömen, lässt schöne Bilder entstehen, heischt Lacher ein – Stichwort „Was ist denn das für ein Dramatenhaus!“ – und endet mit „Kyrie eleison“, gesungen vom Mädchenchor der Sing-Akademie zu Berlin. Viele Bahnen werden entrollt, ohne sie konsequent zu verfolgen und am Ende die losen Fäden einzuholen, zusammenzubinden. Auch wenn Polleschs Form die beste Dechiffrierung des großen Religionsklumpatsches sein mag und im Stakkato viel Schönes dabei war, überzeugt hat mich der Theaterabend nicht. Noch immer hänge ich derweil der Frage nach, ob Christus tatsächlich so in die Hostie kommt wie das Kaninchen in die Pastete.

  • Gesehen am 17. Juni 2023
  • Und hier die Stimme der Nachtkritik.

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