‚ë‘ von Jehona Kicaj

Ein weiterer Backenzahn ist gebrochen, stellt Doktor Ludwig milde fest. Die neue Beißschiene werde zwar ihr destruktives Malmen nicht verhindern, aber die Zahnsubstanz vor weiterer Schädigung schützen. Sie solle in ein paar Tagen wiederkommen, dann sei ihre neue Zahnschiene fertiggestellt, so Doktor Ludwig. Noch einmal angepasst werden müsse sie, um den individuellen Kieferdruck optimal zu verteilen

Bei einem anderen Termin bemerkte Doktor Ludwig erstaunt, wie geschädigt ihr vergleichsweise junger Kauapparat sei. Ob sie Stress habe, wollte Doktor Ludwig wissen. Ob sie von Sorgen geplagt sei, über die ihr das Sprechen schwerfalle? Sie müsse sich Ruhe gönnen, ganz bewusst. Ob sie wisse, dass die Mundhöhle wie ein Gefängnis sein kann? Manches will hinaus, aber werde gehindert und könne nicht. Unbedingt entspannen müsse sie sich – nicht nur ihre Kiefermuskulatur, sondern ihr Leben.

„‘Suha heißt trocken und reka ist der Fluss‘ […] ‚Und was bedeutet das?‘ fragte Frau Korner interessiert? ‘Das bedeutet Flüsschen‘, antwortete er und streicht seine dunklen Locken von der Stirn, die in Falten liegt. ‚Reč wiederum bedeutet Sprache, wird aber auch für Sprachfluss verwendet. So habe ich es zumindest in der Schule gelernt.‘ Der Ort, an dem die Sprach versiegt, denke ich, daher komme ich also.“ (S. 133)

Seit mehreren Tagen reist die Studiengruppe bereits durch den Kosovo, als der namenlosen Heldin in Jehona Kicajs Debütroman ‚ë‘ dieser Gedanke kommt: Ein Ort, an dem die Sprache versiegt. Die Suche danach, nach den Worten, um das Unbeschreibliche zu fassen, hat die Autorin meisterhaft als Leitmotiv umgesetzt. Still ergründet die Protagonistin ihre Vergangenheit. Still schreit ihr Herz Erinnerungen an einen Krieg, den sie aus sicherer Entfernung, aus Deutschland erlebt hat. Ihre Studienreise wird zum wiederholten Kulminationspunkt eines Kriegs, der im kollektiven deutschen Gedächtnis wenig präsent und dann meist negativ besetzt ist.

Jehona Kicaj schreibt über diesen vergessenen Krieg. Über den Völkermord der serbischen Armee an den Albaner:innen. In einer Szene schauen Elias, Partner der Ich-Erzählerin, und ihre Cousine zwei Videos auf YouTube. Eines zeigt den Einzug deutscher NATO-Soldaten in den Kosovo. Ein anderes die Farbbeutelattacke auf Joschka Fischer. Wieso ist es so schwer, auf der Seite der Unterdrückten zu stehen, fragt die Cousine. Die Antwort bleibt der Elias schuldig – wo Sprache fehlte, bleiben Argumente auf der Strecke.

Auf 170 Seiten präsentiert sich ‚ë‘ als Kontrapunkt zum Versagen der Sprache. Mit tiefem Gefühl, aber ohne viel Pathos wächst Kicajs Heldin Seite für Seite in diesem kapitellosen Text. Im Albanischen ist ë der am häufigsten verwendete Buchstabe. Obwohl er meist nicht laut gesprochen wird, erfüllt er eine wichtige Platzhalterfunktion. Jehona Kicaj füllt das Vakuum mit der ihr eigenen Wortgewalt. Sie schreibt leise, aber präzise, ist meist subtil, zeichnet farbenreich und macht große Lust auf weitere Arbeiten dieser europäischen Autorin.

  • Gelesen im Februar 2026
  • Danke dir, Daniel, für deine Lesekreisempfehlung.

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