‚Märtyrer!‘ von Kaveh Akbar

Cyrus könnte glücklich sein – ist es aber nicht. Das letzte Treffen der Anonymen Alkoholiker verlässt er frustriert, und das klärende Gespräch mit seinem Mentor trägt nicht zur Besserung seiner Stimmung bei. Regelmäßig besucht er die Gruppe, seit er ernsthaft dem Alkohol abgeschworen hatte. Seine Abstinenz gilt übrigens auch für alle anderen harten Drogen, an denen der Mittlere Westen der USA gerade dahinsiecht.

Kurz nach Cyrus‘ Geburt und dem tragischen Tod seiner Mutter verlassen sein Vater und er Iran. Für Cyrus, der keinerlei Erinnerungen an seine Mutter hat, wird die Frage nach der Bedeutung ihres Todes und der Sinnhaftigkeit allgemeiner Schicksalsschläge prägend. Geplagt von Schlaflosigkeit und permanenter Unruhe kommt er in den ersten Wochen im College erstmalig in Kontakt mit Alkohol. Rasch wird der Genuss zur Sucht und Cyrus teste sich aus, bleibt hängen und bestreitet sein Leben fortan im sedierten Dauerrausch.

Als Cyrus völlig abgefuckt tatsächlich zum Helden seines eigenen Lebens wird –schließlich schaffte er es, seine schwere Mehrfachabhängigkeit in den Griff zu bekommen – berichtet sein Freund und Mitbewohner Zee von einer Performance. Totkrank ist die iranische Künstlerin Orkideh ins Brooklyn Museum eingezogen, um mit den Besuchenden des Museums ins Gespräch zu kommen. Zee motiviert seinen Freund nach New York zu reisen. Cyrus‘ Begegnung mit Orkideh wird zum Schlüsselerlebnis für den todessehnsüchtigen Poeten und der Katalysator für sein literarisches Schaffen.

„‚Cyrus‘, sagte Orkideh, als würde sie spüren, was in ihm vorging, ‚es ist schön zu hören, wie bedeutungsvoll du das findest. Aber ich kenne mich selbst zu gut, als dass ich zulassen könnte, dass sich jemand vor mich hinsetzt und mich eine Heldin nennt. Was denn, weil ich Krebs und ein paar Klappstühle in einem Museum habe?‘“ (S. 191)

Ganz wunderbar an Literatur ist es, dass sie verschroben, abwegig, unwahrscheinlich oder schlicht unterhaltsam sein kann. Der Debütroman ‚Märtyrer!‘ von Kaveh Akbar unternimmt genau diesen Versuch. Sein Protagonist und Ich-Erzähler Cyrus ist, lapidar formuliert, ein Faulpelz vor dem Herrn. Als Vollwaise im Mittleren Westen ruckelt sich der 29-jährigen Antiheld mit seinen Betäubungsmitteln zuneigten Freund:innen durch die Tage. Daraus entwickelt Akbar die Frage, was bedeutsam und was im Leben wertvoll ist und konstruiert einen 396-seitigen Eskapismus-Roman.

Der vielbeachtete und oft gelobte Text leidet jedoch meines Erachtens an mehreren Mängeln. Begreift man die Primärhandlung um den Protagonisten als amüsante Auseinandersetzung mit existenziellen Fragen, verschachtelt Akbar diffuse Nebenerzählungen in die Rahmenhandlung. Diese retrospektiven Einschübe erzeugen einen erhellenden Kontext über den Iran der 1980er Jahre, wirken jedoch mitunter erratisch. Die erzeugten Widersprüche und Perspektiven sind unterhaltsam und sogar lehrreich, gehen aber zu Lasten der Stringenz.

Auch stilistisch bleibt der Roman hinter seinen Möglichkeiten zurück. Möglicherweise sind die zahlreichen umgangssprachlichen Formulierungen der Übersetzung geschuldet. Hier sollte ein zeitgenössischer Duktus jedoch nicht mit Flapsigkeit verwechselt werden. Aus meiner Sicht ist ‚Märtyrer!‘ ein Roman, der inhaltlich inspirieren und interessante Perspektive eröffnen kann. Mit seinem überdehnten Spannungsbogen sowie formalen und sprachlichen Stolperfallen halte ich den Roman insgesamt aber für überschätzt.

  • Gelesen im Januar 2026
  • Trotz meiner Kritik bin ich dankbar für deine Empfehlung, lieber Daniel.

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