Eine Erklärung für das weltweite Erstarken rechter Parteien zu finden und diesem globalen Phänomen einen Namen zu geben, ist Hauptschwerpunkt aktueller sozialwissenschaftlicher Forschung. Neben Steffen Mau (Triggerpunkt) und Andreas Reckwitz (Die Gesellschaft der Singularitäten) sind im deutschsprachigen Raum die prominentesten Wissenschaftler:innen auf diesem Feld Carolin Amlinger und Oliver Nachtwey. Nach ‚Gekränkte Freiheit. Aspekte des libertären Autoritarismus‘ haben die beiden nun ein weiteres umfassendes Werk vorlegt.
Ausgangpunkt ihrer Publikation ‚Zerstörungslust. Element des demokratischen Faschismus‘ ist die umfassende Erschöpfung des Liberalismus. Die in der Moderne wohlstandssichernde Partnerschaft aus Demokratie und Liberalismus hat sich in der Nachmoderne ins dysfunktionale Gegenteil verkehrt, so ihre Diagnose. Antreibende Zukunftsnarrative wie „Aufstieg durch Bildung“ und „Streng dich an, dann wirst du es einmal besser haben als wir“ haben ihre empirische Realität eingebüßt. Gleichzeitig ist in breiten Bevölkerungsschichten das Gefühl entstanden, dass die politischen Systeme der westlichen Demokratie ihre Fähigkeit als effiziente Problemlösungsagenturen verloren haben.
Entscheidender Treiber für dieses Gefühl ist der Liberalismus selbst. Unter anderem beziehen sich die Autor:innen auf Seymour Lipset, der frühzeitig auf ein Paradox des Liberalismus hinwies: seine autoritäre Antwort auf multiple Krisen. Während der vergangenen 30 Jahre hat der politische Neoliberalismus verstärkt dazu beigetragen, gesellschaftliche Schutzstrukturen abzubauen. Jede:r Einzelne wurde individualisiert und gesellschaftlich atomisiert. Sie wurden zu Kunden:innen in einem Wettbewerb vermeintlicher Chancengleichheit. Strukturelle Ungleichheiten wurden politisch negiert. Verantwortlich für den Erfolg ist nun jeder Mensch für sich allein, ganz gleich seiner kulturellen und ökonomischen Voraussetzungen.
In ihrer langen Einlaufkurve liefern Amlinger und Nachtwey zugleich die Antwort, warum die rechte Drift weltweit immer wirkmächtiger wird. Das liberale Versprechen wird nicht mehr eingelöst. Während die alten Narrative nachwirken, desillusioniert die reale Welt. Sie frustriert und schürt Wut gegenüber den vermeintlichen Träger:innen des Systems. Scheinbar unreformierbare demokratische Institutionen sollen zerstört werden. Alles Woke gilt als schlecht und entbehrlich.
Unter dem Deckmantel der Meinungsfreiheit werden alternative Erzählungen pseudowissenschaftlich argumentiert. Fake News und neurechte Narrative greifen Muster des historischen Faschismus auf und transformieren sie in eine transzendente Logik des demokratischen Faschismus. Argumente werden durch Gefühle ersetzt und mithilfe der Algorithmen sozialer Medien fortwährend multipliziert.
„Die Wirksamkeit des Faschismus hängt an seiner Macht, emotional zu affizieren – Wahrheit braucht er nicht […] Die Empfindung dominiert gegenüber dem Argument, die Form gegenüber dem Inhalt. Der Faschismus bewegt (körperlich und emotional), indem er negative Gefühlswelten bespielt und Emotionen in eine symbolische Ordnung übersetzt, die Teilhabe an einem größeren Ganzen ermöglicht.“ (S. 284)
Die Lektüre von ‚Zerstörungslust‘ bietet eine umfangreiche Erklärung für die drohende sukzessive Machtübernahme durch gewählte Akteur:innen des demokratischen Faschismus. Im Rückgriff auf Carl Schmitts Dezisionismus – nur der wahre Souverän entscheidet über den Ausnahmezustand und schafft damit Recht, ohne Recht zu haben – legen sie mikro- wie makrosoziologisch hochspannend dar, wie affektive rechte Politik sich in den emotionalen Tiefenschichten breiter Klassen verankert. In der Konsequenz verliert die liberale Demokratie ihre Legitimation.
Mit dem Ziel, soziale Differenzierung und Komplexität abzubauen, haben rechte Agitator:innen ein Zukunftsversprechen historisch revitalisiert und anschlussfähig gemacht. Ein neuer Glaube an eine bessere Zukunft wurde kreiert und füllt das entstandene Vakuum – in einigen Regionen mittlerweile kulturell hegemon. Ohne benennen zu müssen, wie das vermeintlich neue Versprechen eingelöst wird, wird es transzendiert. Der Souverän rechtfertigt so sein Handeln. Ferner stilisiert er sich zum Erlöser aus einem permanenten, nie endenden Ausnahmezustand, über den er schließlich selbst entscheidet.
„Eine radikalisierte negative Freiheit zerstört alles, was ihr in den Weg gestellt wird, und dieser Befreiungsschlag rechtfertigt autoritäre Maßnahmen. Adorno schrieb 1950, die Wissenschaft müsse Waffen gegen die potentielle Drohung der faschistischen Mentalität finden. Hierzu soll dieses Buch einen Beitrag leisten.“ (S. 26)
Geradezu ernüchternd lesen sich die 321 Seiten zuzüglich umfangreicher Anhänge. Einerseits, weil Amlingers und Nachtweys Analyse so bestechend wie eindrücklich ist. Alle argumentativen Zugriffe erklären sie plausibel und anschlussfähig. Anderseits liest sich ihr Buch ‚Zerstörungslust‘ über weite Strecken langatmig und teils redundant. Als Politikwissenschaftler fiel es mir nicht immer leicht, am Ball zu bleiben. Lesen sollte man das Buch dennoch!
- Gelesen im Januar 2026
Eine Antwort auf „‚Zerstörungslust‘ von Carolin Amlinger und Oliver Nachtwey“