Hier schaut es aus, wie sich die Sozialdemokratie einst eine gute Zukunft für alle vorstellte. Eine Hochaussiedlung wie viele aus den 70er Jahren, nicht bau-, aber typengleich. Wo aseptischer Beton zu löchrigem, ranzigem Mauerwerk wurde. Hier lebt Reza. Geboren im Iran, kam er mit neun Jahren nach Bochum. Seine Mutter ist Soziologin, sein Vater Schriftsteller. Dass Reza und seine Eltern nicht willkommen sind, merken sie schnell. Die Mutter blickt freundlich, aber wachsam auf die Menschen, die Arbeiter und ihren gebrochenen Stolz. Sein Vater verkapselt sich und mutiert zur Aphorismensammlung.
„Sätze wie ‚Gott ist tot, aber wir brauchen ihn‘ oder ‚Identität ist eine Krücke. Brauchst du nur, wenn du schwach bist.‘ In dem Nichts unserer Plattenbauwohnung sollen sie etwas bewirken, erklären, ertasten. Weiß nicht, ob er das mir erzählt oder sich selbst. Ob er laut denkt oder leise spricht.“ (S. 22)
In der Schule schaltet Reza das Denken ab. Obwohl er Glück hat – oder Lehrer:innen, die sein Talent erkennen – und als Einziger seiner alten Klasse aufs Gymnasium geht, wird er zum Antihelden, rutscht ab und bleibt hängen im Viertel, bei seiner Clique: Dimitri, Silvio und Serdar. Doch er ist zu klug, um die gläsernen Decken nicht zu erkennen und irgendwann nicht mehr ignorieren zu können. Aus Gewalt und Brutalität wird Jugendstrafe und Neuanfang.
Die „Blume im Revier“ ist längst verwelkt, als Reza nach Bochum zieht. Der Herzschlag aus Stahl piept nur noch im Takt der Nulllinie. In den 90er Jahren und diesem Ruhrpottmilieu siedelt Behzad Karim Khani seinen zweiten Roman an. ‚Als wir Schwäne waren‘ ist keine Aufsteigergeschichte, sondern das Gegenteil. Im Stakkato lässt der Autor seinen Protagonisten und Ich-Erzähler mit harten, kurzen Sätzen auf seine Welt einschlagen. Jeder Satz ist dabei Teil eines analytischen Puzzles, das in drei Kapiteln auf 188 Seiten zu einem Wimmelbild wird. Mit einer Sprache aus üppigen, farbenreichen Bildern, präzise, fast scharfkantig formuliert als Kontrast zum heruntergerockten Handlungsraum.
Behzad Karim Khanis Roman schaut nicht von außen in ein Aquarium, sondern ist Teil des hektischen Biotops. Durch diese Perspektive entwirft der Autor im besten Sinne lebendige, aber rastlose und suchende Charaktere. Inhaltlich bleibt er hingegen nah an ‚Hund, Wolf, Schakal‘, was als vielleicht ungewolltes Sequel eine thematische Weiterentwicklung vermissen lässt.
Als ich vor wenigen Wochen einen Sommerroman suchte, bekam ich ‚Als wir Schwäne waren‘ in die Hand gedrückt. Einen Roman, der nicht leicht wie eine Briese am Strand für amüsierte Heiterkeit sorgt. Danke, danke, ich war nicht am Strand. Ich blieb zu Hause. Bei Khani gibt es auch keinen Beifall. Stattdessen setzt er die Brille nach einem verlorenen Kampf mit dem zerbrochenen Glas wieder auf und schreibt retrospektiv weiter als älterer Mann: Für den fiktiven Sohn, für eine Nachwelt und für jene, die keinen Weg fanden, die gläsernen Wände zu durchdringen. Guter Roman, gute Soziologie!
„Wir alle strampeln uns ab in dieser Kloake, halten den Kopf aber über Wasser. Nur Serdar schwamm nach unten und vielleicht gehört das zu den Dingen, die passieren, wenn Armut keinen Geruch hat. Sich keine Goldketten umhängt, keine großen Autos fahren will […] Wenn Armut nicht lügt. Nicht wenigstens so tut, als hätte sie alles im Griff. Sich nicht schämt.“ (S. 103)
- Gelesen im August 2025
- Herzlichen Dank, liebe Britta, für deine Sommerempfehlung ganz nach meinem Geschmack.