Oftmals bewegt man sich auf bekannten Pfaden. Der Weg zur Arbeit, zur Schule, zum Supermarkt oder ins Theater. Viel weiter als in einem wohlbekannten Umkreis bewegt man sich im städtischen Umfeld selten. Wieso auch, könnte man fragen. Weil es immer und immer wieder etwas Neues zu entdecken gibt und weil es sich lohnt, die eigene Komfortzone zu verlassen.
Was in Berlin die Bezirke innerhalb des S-Bahnrings sind, ist auf der Île-de-France Paris intra muros. Innerhalb der Périphérique, dem auf der alten Stadtmauer errichteten Autobahnring, tobt das schöne Leben. Dort befinden sich all jene Orte, die jährlich rund 20 Millionen Tourist:innen besuchen.
Mit ihrem langjährigen Freund Thierry entschließt sich die Ich-Erzählerin, vermeintliches Neuland zu entdecken. Stein des Anstoßes ist Thierry selbst, der in Saint-Denis aufwuchs, dort immer noch lebt und für einen Dokumentarfilm über die Bauarbeiten für die Olympischen Spiele 2024 recherchiert.
Gemeinsam durchstreifen sie also das Département Seine-Saint-Denis, das Neun-drei wie Thierry es nennt, wegen der Ordnungsnummer 93 der französischen Départements. Saint-Denis ist dabei Anker und Ausgangspunkt, aber auch Chiffre für all jene unbekannten Trabantenstädte, die die Negativstatistiken Frankreichs anführen. Anne Weber hat mit ihrem aktuellen Roman ‚Bannmeilen‘ einen Reiseführer über den Pariser Großstadtgürtel aus Beton, Autobahnen, Eisenbahngleisen, Industriebrachen und Einkaufszentren verfasst, den die wenigstens kennen, geschweige denn besuchen.
Nicht nur städtebaulich ist der Boulevard Périphérique eine Barriere, auch soziodemografisch. Wer eine Wohnadresse in Saint-Denis besitzt, hat statistisch ein ganz schlechtes Los gezogen. Während ihrer Spaziergänge verhandeln die beiden Protagonist:innen die Gründe. Durch seinen algerischen Vater wird Thierry authentischer Antagonist und schildert informativ, teils sarkastisch die Hintergründe. Und so wird ‚Bannmeilen‘ mit seinen 301 Seiten rasch weit mehr als ein Reiseführer zu brutalistischer Architektur und misslungenem Städtebau.
Zwischen Armut, Kriminalität und so manchen nicht unbegründeten Klischees entdecken die beiden kleine Oasen: Friedhöfe, historische Cités, skurrile wie liebevolle Menschen. Ein Café wird winterlicher Anlaufpunkt. Sie lernen die Gäste und ihre Geschichten kennen. Roter Faden in allen Gesprächen sind auch hier der weit verbreitete Rassismus und die französische Klassengesellschaft.
„Die Archive, die hier in dem großen Schuhkarton verstaut wurden, nachdem im Hôtel de Soubise im Marais der Platz knapp geworden war, stammen alle aus der Zeit nach der Revolution; die älteren, kostbaren, prestigeträchtigeren Dokumente aus dem Mittelalter und dem Ancien Régime hingegen haben die Pariser behalten. Die Geringschätzung, die hinter dieser ungleichen Verteilung steckt, ist so selbstverständlich, dass sie keinem auffällt. Und noch etwas anderes fällt offenbar niemandem auf, die Verteilung scheint auch zu sagen: Paris, das ist das Ancien Régime, das Königtum; der Banlieue gehört die (Post-)Revolution.“ (S. 121)
‚Bannmeilen‘ von Anne Weber ist weniger ein Roman als eine Alltagsstudie mit historischen Verweisen. Soziologisch seziert sie die gesellschaftlichen Tiefenschichten und legt multidimensional die Ursachsen frei, die die französische Gesellschaft mit all ihren soziokulturellen Bezügen und Leitideen mehrheitlich konstituiert. Ihre Perspektive ist die der Menschen außerhalb des Autobahnrings mit Blick auf die geschlossene Gesellschaft im Zentrum – undogmatisch, aber mit Haltung.
Mein Fazit: ‚Bannmeilen‘ empfiehlt sich weniger für zugige U-Bahnfahrten, dafür ausgezeichnet als Reiselektüre – wie als auch als Guide für Architektur- und Menschenfreund:innen.
- Gelesen im Juni 2024
- Ein toller Zufallsfund aus der Buchkantine, Dortmunder Straße 1 in Moabit.