Ein Gastbeitrag von Patrick Presch
Ausverkauft, wie immer. Der Saal im Haus der Berliner Festspiele füllt sich bis auf den letzten Platz. Zahlreich sind sie gekommen, die Theaterliebenden, die Intellektuellen, die weißen Gesichter der Stadt. Da sind junge und vor allem nicht mehr ganz so junge Menschen, die begeistert, geradezu entfesselt sein werden nach diesem 90-minütigen Ritt durch die griechische Mythologie, den Blick auf Laios gerichtet, dem König von Theben. Ungewöhnlich diese Wahl, denn sein ungleich bekannterer Sohn, Ödipus, füllt ja bekanntlich noch immer unsere schlaflosen Nächte, in denen wir über Vatermord, Inzest und unabwendbares Schicksal wehklagen. Dieser ganze kranke Scheiß – so aktuell?
Keine Frage: Die treibende Kraft dieses Solo-Stücks, the master of puppets des Abends ist Lina Beckmann. Gleich einem Tiger in der Manege läuft sie sich warm am Bühnenhintergrund, bis es ruhig wird, das Licht ausgeht und sie zündet – und wie! An ihrer Hingabe und der Lust am Spiel ist aber auch gar nichts auszusetzen. Diese Präsenz, das Tempo, diese Vielfalt an gestischen und mimischen Einfällen – Schweiß, Tränen und Rotz inklusive – führen zwangsläufig zur bedingungslosen Verehrung.
Katrin Beier und Ronald Schimmelpfenning sind maßgeblich verantwortlich für die „Anthropolis“-Reihe am Deutschen SchauSpielHaus Hamburg. Fünf Teile antiker Klopper im modernen Antlitz, Laios als zweites Stück im Serien-Event zur bildungshuberischen Ergötzung. Und das im Jahr 2024. Dabei geht es sicherlich auch um die Befragung des Theaters selbst, was kann es, was will es, was fehlte bisher? Dass es ihnen allen nicht wirklich um den Zustand Europas gehen kann, nicht wirklich um die Machtverstrickungen in Politik und Wirtschaft, nicht wirklich um die Frage nach toxischen Verhältnissen, lässt sich doch allzu leicht an der Beliebigkeit der gebotenen Antworten festmachen: Das reine Postulat, die Vielfalt an Perspektiven ohne Konsequenzen oder das Verheddern im Möglichkeitsraum der Interpretationen ist einfach zu wenig. Da geht selbst dem Ochsen die Puste aus.
Zum Inhalt des Stücks muss nicht viel gesagt werden, „kannste auch nachlesen, nech.“ Das Bühnenbild ist schlicht-dienend und trefflich genutzt, die mittlerweile obligatorischen Video-Schnipsel verschaffen der Zeremonienmeisterin keine Entspannung, sondern vergrößern nur noch ihr irres Textkonvolut, da sie jetzt auch noch die Bilder mit Bedeutung aufladen muss. Weil, es könnte ja so oder auch so gewesen sein. Wer weiß das schon, es gibt ja eh kein Entrinnen!
Sinn und Sinnlosigkeit liegen wie so oft nah bei einander. Legitimiert der Erfolg eines Stücks die Machart? Zweifelsohne ist das hier eine Leistungsschau auf höchstem Niveau aller Beteiligten. Doch was bringt es, wenn die Message den Saal nicht verlässt, sondern das Publikum stattdessen wie in Trance die aufgeführte Selbstvergewisserung beklatscht?
- Gesehen am 15. Mai 2024
- Und hier die Stimme der Nachtkritik.
Eine Antwort auf „Achtung, Theater! – ‚Laios. Anthropolis II‘ am Deutschen SchauSpielHaus Hamburg“