Charlotte Scharf hatte es nicht leicht in ihrer wohlsituierten Familie. Auch in der Schule fällt es ihr schwer, Kontakte zu knüpfen. Feste Freundschaften baut sie wenige auf. Denkt sie zurück an den Sportunterricht, erinnert sie Tennis als ihre liebste Sportart. Und auch als sie den Studienabschluss in der Tasche hat, werden ihr vom Leben zahlreiche Bürden auferlegt.
„Die Mutter erzählte es sofort dem Vater, und die Eltern waren auch nicht begeistert vom zweiten Platz der Tochter […] Charlotte, die ziemlich fertig war, weil sie nicht wusste, wie es nun weitergehen und welchen Weg sie einschlagen sollte, fuhr am Wochenende zu den Eltern, obwohl sie aus Erfahrung wusste, dass die Eltern in schwierigen Situationen dazu neigten, auf das Kind einzutreten, wenn es am Boden lag, natürlich nur metaphorisch und natürlich nur mit besten Absichten.“ (S. 22)
Und die Eltern sagen ihr, Kind, nimm die zweitbeste Stelle an in München. Also geht sie nach München. Es gibt Schlimmeres, würde man denken. Aber auch hier hat sie es nicht leicht. Nach kurzer Zeit hat sie drei Wohnungsangebote in der Tasche. Das ist mehr, als sich die allermeisten Menschen vorstellen können, die in München eine Wohnung suchen. Und die allermeisten Menschen wären dankbar für den überteuerten 70er-Jahre-Bau. Für Charlotte trägt das schlechte Omen schwerer als die Vorfreude auf den Neubeginn an der Isar.
Touché, der Verlagschef ist ein narzisstisches Arschloch, der Menschen kleinmacht. Der zunächst sehr charmant sein kann, witzig ist, sie anfixt und hinhält und grundlos seinen Machtspielen aussetzt. Als zweite Assistentin ist Charlotte qua Jobbeschreibung nah dran am Verleger Ugo Maise und somit mittendrin im Irrenhaus. Ihre Kolleg:innen sind nett. Sie geben gut gemeinte Ratschläge und laden sie zu gemeinsamen Freizeitaktivitäten ein. Ski fahren, After-Work-Events – Gruppensachen waren noch nie Charlottes Ding.
Dem Tagesspiegel sagte Caroline Wahl im Interview vom 28. August 2025, sie wolle, dass man sich grundsätzlich die toxischen Machtstrukturen in vielen Unternehmen anschaue. In ihrem aktuellen Roman ‚Die Assistentin‘ befasst sich Wahl nun sehr intensiv mit Asymmetrien, Machtmissbrauch und fehlenden Haltelinien. Ihre junge Protagonistin Charlotte erzählt davon detailliert in Ich-Perspektive und moralisch geleitet. Allein der Wille, sich mit Themen zu befassen, ist jedoch kein Gütekriterium für die Qualität des Produkts. Das erlebt man in Caroline Wahls drittem Roman von Beginn an.
Die Autorin framt ab der ersten Seite unnötig tendenziös. Das Schema Welt gegen Protagonistin wirkt durchweg unterkomplex. Die grob geschnitzten Figuren bleiben farblos konturiert Rohlinge. Widersprüche und Ambivalenzen zeigt Wahl nicht auf. Eine wünschenswerte und notwendige Auseinandersetzung mit einer vielschichtigen Empirie findet in diesem schlichten Roman nicht statt. Viel zu oberflächlich stellt die Autorin ihr Anprangern als Wehklage dar, die literarisch enttäuscht. ‚Die Assistentin‘ umfasst 368 Seiten. Auf Seite 46 habe ich vor Banalität abgebrochen.
- Begonnen im März 2026 zu lesen
- Aufmerksam wurde ich auf den Roman durch den Hype und das gute Marketing um die Verfilmung von ‚22 Bahnen‘.