Achtung, Theater! – ‚Zukunftsmusik‘ am Maxim Gorki Theater

In der sibirischen Weite, beengt in ihrer Kommunalka hören sie den Trauermarsch immer und immer wieder zum Gedenken an den Generalsekretär. Möge die Einheit der Union der sowjetischen Völker ewig fortbestehen – auch nach dem 11. März 1985. Unter dem bröckelnden Putz der Gründerzeit leben vier Generationen zusammen in einem, in ihrem Haus. Wie um die Held:innen der Revolution hat sich um alles – die Zeit, das Leben, die Zukunft – ein bleierner Mantel gelegt. Mehltau über dem Kirschgarten und Furcht vor der Zukunft. Jankas Küchenkonzert soll nach Frühling durften und dem Aufbruch der Jugend im März1985. Und wer ist verstorben? Sie spielen noch immer Chopin.

Katerina Poladjans Roman „Zukunftsmusik“ hat Nurkan Erpulat zur Vorlage seines gleichnamigen Abschieds gewählt. Nach Abschied schmeckt die Luft der Kommunalka, klingen die Lieder. Das Ensemble spielt auf in alten, aufgewärmten, wieder viel zu großen Kleidern. Die Kinder werden hineinwachsen – sicherlich.

Mit ‚Zukunftsmusik‘ endet seine zwölfjährige Schaffensphase am Maxim Gorki Theater. Zahlreich hat die Kritik den Bogen beschrieben, den der aktuelle Hausregisseur zu seiner ersten Arbeit schlägt. Wie im „Kirschgarten“ verlassen im knapp zweistündigen Schlussakkord die Bewohner:innen ebenfalls ihr Haus. Ihre Kommunalka, in einem verschachtelten Rondell untergebracht, von Magda Willi konstruiert mit Zimmer, Zimmer, Bad, Büro und Küche. Die Wohnung wird zum ewigen Fahrgeschäft. Das langsame Hamsterrad, in dem der Wunsch nach Aufbruch nur noch als fromme Erinnerung melancholisch seine Runden dreht.

‚Zukunftsmusik‘ ist nicht die beste Arbeit von Erpulat am Gorki. Auch sein Coup, nachdem der letzte Vorhang gefallen ist, irritiert effekthascherisch. Die sonst wunderbare Çiğdem Teke wirkt müde von der Premiere drei Tage zuvor – und auch Ursula Werner spielt die erschöpfte Urgroßmutter Warwara leider allzu gegenwärtig. Positiv überrascht Doğa Gürer als Matwej, einem alten Kommunisten und Bürokraten, der als einsamer Ingenieur schon früh sein Herz verlor.

Die Antwort des Abends, wie es weitergeht, nachdem Chopins Trauermarsch aus langsam verstummt, bleibt die ‚Zukunftsmusik‘ schuldig. All jene, die vom Abschied und Memento mori gerührt sind, werden das Gorki beseelt in die sibirisch-kalte Winternacht Berlins verlassen. Die Anderen werden den doppelten Boden vermissen, das Laute, das Nichtgesehene, das Neue.

„Es gilt in diesem postmigrantischen Volkstheater die maximale Verständlichkeit der Erzählungen. Deutsche Schauspieler*innen mit überwiegend türkischen Namen spielen Figuren mit russischen Namen aus dem Roman einer Autorin, die in der Sowjetunion geboren wurde und auf Deutsch schreibt. Programmatischer geht’s nicht für diese Schlusspunkt-Inszenierung.“

Sophie Diesselhorst hat mit dieser Nachtkritikpassage die für mich beste Zusammenfassung geliefert. Ob die Wehmut über das Endende überwiegt oder die Vorfreude auf das Neue, bleibt offen.

  • Gesehen am 27. Januar 2026
  • Und hier die Stimme der Nachtkritik.

Hinterlasse einen Kommentar